Gerechtigkeit vs. Gesetz
Von Nils Bothmann
Am Anfang stand eine Idee: Die Idee des gesetzestreuen Bürgers, also des
Law Abiding Citizen, wie der Film im Original heißt, der vom US-Justizsystem enttäuscht wird und im Gegensatz zum herkömmlichen Rachefilm nicht einfach nur die Schuldigen torpediert, sondern gleich das komplette System angreift. Besagter Bürger ist Clyde Shelton, ein Tüftler, der erst Frau und Kind bei einem Raubmord verliert und später im Gerichtssaal mit ansehen muß, wie ausgerechnet der Haupttäter einen Deal mit der Anklage abschließt und dadurch drastische Haftmilderung erfährt.
Laut Produzent Alan Siegel ist
Gesetz der Rache durchaus als kontroverser Film gedacht, der beim Publikum Diskussionen erzielen soll, und sicherlich sind die angeschnittenen Debatten durchaus reizvoll. Die Botschaft, daß Gerechtigkeit und juristische Rechtssprechung nicht immer identisch sind, ist vielleicht nicht neu, auch nicht die Frage, inwieweit man mit einem Menschen sympathisiert, der Gesetze bricht, um Gerechtigkeit zu erlangen – Klassiker wie
Dirty Harry und
Ein Mann sieht rot fußen immerhin auf ähnlichen Grundlagen. Doch selten ging ein Film dabei so weit wie
Gesetz der Rache, denn Shelton bestraft nicht nur die Verbrecher, sondern später auch Gesetzesdiener und damit intentionell das Justizsystem. Sein Gegenspieler ist der Staatsanwalt Nick Rice, der anfangs nur auf eine hohe Verurteilungsquote aus ist und deshalb den schicksalhaften Deal mit dem Verbrecher eingeht. Langsam läßt
Gesetz der Rache die Sympathien kippen, präsentiert dem Zuschauer Rice anfangs als Karrieristen und Clyde als gebrochenen, mitleidsbedürftigen Mann. Selbst mit Clydes herben Racheakten mag man anfangs noch d’accord gehen, doch früher oder später erreicht der Zuschauer den Punkt, ab dem er Shelton nicht mehr zustimmen kann. Nur das Wann, das bleibt jedem selbst überlassen und dürfte auch in den von Siegel erhofften Diskussionen seinen Platz finden.
Doch abseits dieser Ambitionen hat
Gesetz der Rache so seine Schwierigkeiten, denn gerade stilistisch kommt F. Gary Grays Werk etwas uneinheitlich daher. Es beginnt als leicht klischeehafte Rachegeschichte, die Shelton ein besonders schmieriges Exemplar krimineller Umtriebe entgegenstellt, doch bereits nach Ende der Exposition atmet der Täter nicht mehr, wobei
Das Gesetz der Rache noch mit einer (immerhin nur angedeuteten) Folterszene für all jene aufwartet, die noch die Zeit zwischen
Saw V und
Saw VI überbrücken wollen. Wenn Shelton von da an in den Knast geht, doch von der Gefängniszelle aus weiterhin munter seinen Racheplan steuert, dann bedient sich Grays Thriller oft der Mittel der schwarzen Komödie, ehe der Film dann gegen Ende zum humorlosen Spiel gegen die Zeit verkommt.
Doch nicht nur stilistisch fehlt ein wenig die klare Linie, auch die Drehbuchunklarheiten des Stoffes sind nicht von der Hand zu weisen. Shelton will das System angreifen, begeht in erster Linie jedoch persönliche Rachemorde. Der Kreis der Toten beschränkt sich von daher auf all diejenigen, die mit dem Fall zu tun hatten, doch trotzdem ruft die Bürgermeisterin einen stadtweiten Notstand aus. Hier merkt man dann, daß es eben mit einer guten Idee nicht getan ist, sondern die Überlegungen weitergehen müssen.
Einen gewissen Unterhaltungswert kann man dem Treiben allerdings nicht absprechen, denn stark besetzt ist Grays Film auf jeden Fall, auch wenn in der deutschen Synchronisation einiges an Flair verloren geht. Gerard Butler wird immer der
300-Leonidas bleiben, da kann er noch so oft in
Die nackte Wahrheit mitspielen, doch auch den gebrochenen Mann nimmt man ihm überraschenderweise ab. Auf der Gegenseite stehen ihm mit Jamie Foxx, Bruce McGill und Colm Meaney hochkarätige Mitspieler gegenüber. Auch F. Gary Grays Regieleistung ist tadellos und bemüht sich, das stilistische Skript-Wirrwarr unter einen Hut zu bekommen, wobei vor allem Jonathan Selas fantastische Kameraarbeit erwähnt werden muß. Gerade das reinigende Feuer, das am Ende eine der Hauptfiguren einhüllt, sieht gleichzeitig so bedrohlich und so malerisch aus, daß man von Kinomagie sprechen möchte. Schade, daß
Gesetz der Rache an seinen eigenen Ansprüchen scheitert: Einen etwas konventionelleren Selbstjustizfilm vom Kaliber eines
Death Sentence oder eines
96 Hours hätte man in derartigen Bildern sicher gern gesehen.
2009-11-16 15:23