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Seelenvögel

D 2009. R,K,S: Thomas Riedelsheimer. M: Marina Schlagintweit, André Buttler, Max Hundelshausen, Elischa Kaminer. P: Filmpunkt/WDR.
94 Min. Piffl Medien ab 5.11.09

Ars vivendi

Von Natália Wiedmann Seelenvögel hinterläßt einen ein bißchen wie das Leben auch: mit offenen Fragen, gemischten Gefühlen und ein wenig unschlüssig, was man daraus machen will. Ein Film, der nicht einfach ein Porträt dreier leukämiekranker junger Menschen ist. Zwar lernen wir die fünfzehnjährige Pauline über Tagebucheinträge kennen, über ihre Erzählungen, über Theater- und Qi-Gong-Übungen, doch wenig nur erfährt man über den fünf Jahre jüngeren Richard, und in jenen Sequenzen, die sich Lenni widmen, sprechen vor allem seine Eltern über ihn, über seinen ungewöhnlichen Krankheitsverlauf, über die schwierigen Entscheidungen, die sie zu treffen hatten.

Ebensowenig betrachten wir das Porträt einer spezifischen Krankheit, wenn auch die Schwere der Krankheit und ihr Verlauf von großer Bedeutung sind: die Möglichkeit, in jungen Jahren zu erkranken, in einem Alter, in dem man sich normalerweise noch nicht mit der eigenen Sterblichkeit befaßt; die Tatsache, daß es sich nicht um einen plötzlichen Tod handelt, sondern Zeit für den Prozeß einer Auseinandersetzung bleibt; die Hoffnung auf Heilung, die noch Raum für den Kampf um das Leben und für Zukunftserwartungen läßt. Seelenvögel kreist auch nicht nur um kindliche Vorstellungsbilder vom Tod, obwohl gerade jene Szenen, in denen Lennis Schwester und die Kinder seiner Kindergartengruppe ihre Gedanken auf vielfältige Weise ausdrücken, besonders faszinieren. Der Tod ist präsent und in den Toten repräsentiert, aber der Schwerpunkt wird doch auf das Leben gelegt, auf das Leben im Wissen um die eigene Vergänglichkeit, um die Vergänglichkeit anderer, allen Lebens.

Wie die Aussagen der Kinder und Erwachsenen genau zustande kamen, ob es Fragen gab oder nicht, wie die Aufnahmen entstanden, die Rolle des Filmemachers in den Leben, an denen er teilnahm – man erfährt kaum etwas darüber. Es scheint, als wolle er nicht wahrgenommen werden, und doch weiß man immer: Er war da. Ganz nah dran, beinahe, als solle die Kamera alles festhalten, noch den flüchtigsten Gesichtsausdruck. Ist Nähe denn schon Intensität? Ist die Gleichzeitigkeit der Ab- und Anwesenheit eine Referenz auf den Tod? Wenngleich jeder Text offen für differierende Lektüren ist, zeichnet es diesen Dokumentarfilm doch aus, sich zumindest auf der Tonebene die Möglichkeit der Rezeptionslenkung weitgehend zu versagen, keine Interpretationen aus dem Off, keine Zusammenfassung. Der Film ist da wie er ist, rechtfertigt seine Struktur nicht, kümmert sich nicht um Systematik, beharrt auf seiner Subjektivität. Dem einen mag etwas als überflüssig erscheinen, dem anderen als zu flüchtig gestreift, auch wird nicht jeder die Symbolik des blühenden Seerosenlebens sowie weiterer Naturaufnahmen als tiefsinnig erachten. Woher aber ein mögliches Unbehagen auch rührt, es führt vielleicht zu einer produktiven Auseinandersetzung mit den Schwierigkeiten einer solchen Dokumentation, auch zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Stellung zum Tod, läßt das Memento mori als Teil der Ars vivendi begreifen. Man bleibt also zurück, mit offenen Fragen, gemischten Gefühlen und ein wenig unschlüssig, was man daraus machen will. Es ist gut so.
2009-11-06 12:34
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