— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Weltstadt

D 2008. R,B: Christian Klandt. K: René Gorski. S: Jörg Schreyer. M: David Christiansen, Marko Weichler. P: ARTE. D: Florian Bartholomäi, Gerdy Zint, Karoline Schuch, Hendrik Arnst, Justus Carriere, Heinz Kreitzen, Franziksa Kumwiede u.a.
X-Verleih ab 5.11.09

Beispielstadt Beeskow

Von Tobias Lenartz Das Attribut »nach einer wahren Geschichte« ist ein Warnsignal. Zweitklassige Horrorfilme benutzen das Gütesiegel, um hanebüchene Fiktionen mit dem Schauder des Authentischen anzureichern, rosaseifige Rührstücke, um mit dem Anschein der Realität Wunsch und Wirklichkeit kurzzuschließen. Christian Klandts Debütfilm Weltstadt ist eine Ausnahme.

Im Sommer 2004 geriet die brandenburgische Kleinstadt Beeskow in die Schlagzeilen, als zwei Jugendliche einen Obdachlosen überfielen, zusammenschlugen und in Brand setzten. In Weltstadt versucht Klandt, die 24 Stunden um die Tat herum nachzuzeichnen, blickt auf die Rückseite der hübschen Kleinstadt mit der malerisch mittelalterlichen Altstadt, Ausflugsziel für Radwanderer und Paddeltouristen fortgeschrittenen Alters. Statt sich in Erklärungen zu flüchten, stellt Klandt Fragen, beschreibt, statt zu urteilen. Klandt stammt selbst aus Beeskow, kannte das Opfer und einen der Täter. Und daß er kennt, was er zeigt, wird in nahezu jeder Szene sichtbar, verdichtet sich zu einer Charakter-, Milieu- und Gesellschaftsstudie von seltener Genauigkeit und bedrückendem Realismus.

Till hat seine Malerlehre abgebrochen. Was er eigentlich vom Leben will, was von seiner Freundin, weiß er selber nicht. Weg nach Berlin ist sein einziges vages Ziel. Karsten hat noch nicht einmal mehr großspurige Pläne, die nach zwei Wochen wieder durch neue ersetzt werden. Arbeitslos und antriebslos vertreibt er seine Zeit mit Pornos am Nachmittag und Frustsaufen, Frustkiffen gegen Abend. Selbsthaß und Selbstmitleid verschränken sich ineinander, stülpen sich immer wieder als Aggression nach außen – auch gegen Till, mit dem er seine Tage absitzt: tagsüber auf dem Sofa und abends auf den Bänken beim Park. Anlaufpunkt für die Kleinstadtjugend, Triste Treffpunkte ohne Ereignisfaktor. Man hängt miteinander rum, aber interessiert sich nicht einmal mehr für sich selbst.

Klandt faßt dies filmisch in einen Radikalrealismus, der an die Arbeitsweise einer Valeska Griesebach erinnert. Die ewige Streitfrage, ob die Darstellung von Langweile auch Langweile erzeugen muß, kann Weltstadt für sich mit »Ja« beantworten. Die nahezu in Echtzeit ausgebreitete Ereignislosigkeit wird als Lähmung körperlich spürbar, die stumpf aggressive Perspektivlosigkeit erdrückt. Gestützt auf seine beeindruckenden Jungdarsteller, die rückstandslos in ihre Figuren hineinkriechen, macht Klandt die Täter verstehbar, ohne sie deshalb sympathisch machen, ohne Fremdheit aufheben zu müssen. Er zeigt Menschen, die vergessen haben, wie Sehnsucht geht. Auf die wohlfeile Anklage von Gesellschaft im Allgemeinen, Eltern und Lehrer im Besonderen verzichtet er und zeichnet stattdessen ein Gesamtbild problematischer Wechselwirkungen aus Arbeitslosigkeit, Ausbildungsknappheit, Landflucht und Antriebslosigkeit.

So sehr Charakterzeichnung und Ortsbeschreibung gelingen, fällt die thematisch-atmosphärische Einbettung manchmal ein wenig forciert aus. Im Radio sind Law-and-Order-Forderungen gegen Jugendkriminalität zu hören. Im Supermarkt wird das Musikgedudel nur von neuen Schreckensmeldungen unterbrochen. Auch die Bewohner des Obdachlosenheims, in dem Karsten seine Sozialstunden abarbeiten muß, sind penetrant provokativ genug, um dem finalen Gewaltausbruch Erklärungsgrundstoff zu liefern. Aber die kleinen Schwächen des Films sind zugleich Indikatoren seiner Stärke und Eigenwilligkeit. In konventionellem Erzählkino wären die Vorzeichen und Motivspiegelungen wohl nicht weiter aufgefallen, in der alltagsrealistischen Grundhaltung von Weltstadt machen sie sich als kleine Störungen bemerkbar.

Nicht nur in seinem langsamen Tempo, seinem Realismus, der Alltagsbanalität gerade einschließt und auslotet, erinnert Weltstadt an Gus van Sants Highschool-Amok-Film Elephant. Aber während van Sant somnambule Offenheit schlußendlich mit einer irritierend banalen Erklärung versiegelte, hält Klandt, trotz dem ein oder anderen forciert expliziten Referat ostdeutscher Befindlichkeit, seine Linie. Wenn er am Schluß nicht so recht den Ausstieg zu finden scheint, mit einem deplatziert wirkenden Symbolbild entläßt, raubt dies seinem bemerkenswerten Debüt nichts von seiner verstörenden Kraft: Drängende Fragen können nicht durch erlösende Antworten zum Schweigen gebracht werden. Daß Klandt mit seiner Problemstellung nicht einfach fertig werden kann, nicht fertig werden will, ist Ausdruck seiner Integrität und – so groß das klingen mag – seines Ethos. 2009-11-04 13:19
© 2012, Schnitt Online

Sitemap