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Der Informant!

The Informant! USA 2009. R: Steven Soderbergh. B: Scott Z. Burns. K: Peter Andrews. S: Stephen Mirrione. M: Marvin Hamlisch. P: Warner Bros., Participant Media, Groundswell u.a. D: Matt Damon, Scott Bakula, Joel McHale, Tom Papa, Rick Overton, Tom Wilson, Melanie Lynskey, Clancy Brown u.a.
108 Min. Warner ab 5.11.09

Wer einmal lügt…

Von Nils Bothmann Im Bereich der englischen Literaturwissenschaft gibt es den Terminus der »encyclopedic fiction«, deren bekanntester Vertreter Herman Melvilles »Moby Dick« ist. Romane dieser Art streben meist eine Vermischung von Fakt und Fiktion an, flechten harte Fakten in ihre fiktive Geschichte ein. In gewisser Art kann man dies auch über Steven Soderberghs Der Informant! behaupten, denn dessen Hauptfigur Mark Whitacre garniert das den Film begleitende Voice Over ebenfalls mit einer Unmenge an Fakten und Anekdoten, meist zum Thema maisverarbeitende Industrie, die er den Zuschauern im Kinosaal mit ähnlicher Begeisterung um die Ohren haut wie den intradiegetischen Figuren.

Doch nicht nur Wissenswertes aus der Wirtschaft haben Der Informant! und seine Hauptfigur mitzuteilen, auch das Genre des Verschwörungsthrillers wird in Wort und Bild emsig zitiert. Whitacre selbst erwähnt Crichtons Buch »Nippon Connection«, verfilmt als Die Wiege der Sonne, und sieht sich im Kino Die Firma an, basierend auf dem gleichnamigen Grisham-Roman. Der Informant! spielt in den 1990ern, erinnert vom Look allerdings eher an die 1970er Jahre, die Hochzeit des Verschwörungsfilms. Dessen Themen wurden jüngst ja auch in Werken wie The International und State of Play aufgearbeitet, wobei dort die klassische Geschichte auf eine moderne Inszenierung traf, doch Der Informant! ist durch und durch retro.

Gleichzeitig überzeichnet Soderbergh die Suche nach Absprachen und Verschwörungen auf groteske Weise, denn wie in artverwandten Film ist ein Hauch von Nichts der Initialanlaß, aufgeblasen durch eine Lüge (Wag the Dog) oder ein Mißverständnis (Burn after Reading). Im Falle von Der Informant! ist es klar die Lüge, welche den Stein ins Rollen bringt, denn beim Versuch, die eigene Firma zu betrügen, verstrickt sich Whitacre in seinen selbsterfundenen Fabeln und wird bald unfreiwillig zum FBI-Informanten und wiederum gegen die eigene Firma eingesetzt. Doch er hört nicht auf zu lügen und setzt damit eine groteske Abwärtsspirale in Gang, die ihn immer tiefer reinreißt. Als Hauptfigur schenkt man ihm dabei als Zuschauer anfangs gern das Vertrauen, doch Soderbergh zieht dem Rezipienten den Boden unter den Füßen weg: Trotz seiner hohen Intelligenz und Bildung ist Whitacre teilweise himmelschreiend naiv und darüber hinaus ein pathologischer Lügner.

Gerade diesen Lügner verkörpert Matt Damon, der sich vor zwei Jahren noch heldenhaft durch Das Bourne Ultimatum kämpfte, mit Mut zur Alltäglichkeit, gegen Ende sogar Häßlichkeit. Ganz unheldenhaft sitzt er mit feisten Backen als Whitacre in prägnanten Szenen zusammengekauert auf dem Klo, gegen Ende des Films tritt er gar mit fieser Halbglatze auf. Ähnlich präzise ist aber auch das Spiel von Scott Bakula, der als ehrgeiziger, gerechtigkeitsliebender FBI-Agent immer wieder über Whitacres Lügen stolpert und die Gefühlswelt seiner Figur mit wenigen Blicken und kleinen Gesten auszudrücken weiß.

Das Konzept von Der Informant! ist Repetition, bald wird es zur konsequenten Entwicklung, daß auf jede Lüge eine Lüge folgt, auf jede Aufdeckung einer Lüge die Aufdeckung der nächsten. Ein eindeutiges Deutungsangebot liefert Soderbergh dabei nicht, einem klaren Genre läßt sich Der Informant! nicht zuordnen. Die musikalische Untermalung erinnert am ehesten an Stummfilm-Slapstick begleitende Melodien, was Whitacres Lügen-Marathon den Anstrich einer Burleske verleiht. Doch so sehr die losgetretene Entwicklung anfangs noch als amüsant erscheint, mit zunehmender Spieldauer wandert die Deutung der Hauptfigur immer mehr ins Tragische ab, denn Whitacre kann nicht aufhören, seine Situation zu verschlimmern, muß stets die Unwahrheit sagen. Gleichzeitig weiß man nie, ob man Mitleid mit dem pathologischen Lügner haben soll oder seine Missetaten verachten. Das Voice Over erzeugt sicher Sympathien für Whitacre, gleichzeitig wirkt es stellenweise belehrend, altklug und rechtfertigend, was das genaue Gegenteil bewirkt. Der Informant! besitzt mit Whitacre einen unzuverlässigen Erzähler und wenn sich bereits die Figuren innerhalb der Narration nicht auf Mark verlassen können, kann man es dann als Zuschauer?

Der Informant! entzieht sich somit klaren Kategorisierungen und ist von daher vielleicht auch nicht einfach in Schubladen wie gut oder schlecht, unterhaltsam oder spröde einzuordnen. Eines steht allerdings fest: Interessant, das ist Soderberghs Film in seiner etwas sperrigen, uneindeutigen Art auf jeden Fall. 2009-11-02 10:34

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