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Séraphine

F 2008. R: Martin Provost. B: Martin Provost, Marc Abdelnour. K: Laurent Brunet. S: Ludo Troch. M: Michael Galasso. P: TS Productions. D: Yolande Moreau, Ulrich Tukur, Anne Bennent, Gneviève Mnich, Nico Rogers, Jean-Pascal Abribat, Sandrine Bodenes, Serge Gaborieau u.a.
125 Min. Arsenal ab 17.12.09

Naives Genie in Lumpen

Von Martin Wolkner »Wenn man malt, liebt man anders«, eröffnet seine Putzfrau Séraphine dem Kunstsammler Wilhelm Uhde. In welcher verqueren Welt belehrt eine ungebildete Proletarierin den gutbürgerlichen Gelehrten? In der von Séraphine de Senlis, der häufig barfuß laufenden, Bäume umarmenden, ihre Farben selbst mischenden, ärmlichen Autodidaktin, die zur wichtigsten Vertreterin der Naiven Kunst in Frankreich gezählt wird.

In den frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts putzt und wäscht Séraphine tagsüber für fast das ganze Städtchen und verdient damit bloß ein paar Sous, die sie statt für Essen oder Kohle für Malutensilien ausgibt. Andere Zutaten klaut sie sich zusammen. Nachts beginnt sie plötzlich in Latein zu singen – was man dieser Putzfrau nicht zugetraut hätte – und dann malt sie wie besessen mit Pinsel und Finger abstrahierte Blumenbilder. Diese werden vom Bürgertum zwar belächelt, doch Uhde faszinieren sie zutiefst. Séraphine lebt und liebt anders, und ihr Entdecker Uhde versteht das gut, denn auch er liebt anders – aber neben seiner Liebe zur Kunst spielt seine Homosexualität keine Rolle in der Geschichte. Wichtig ist, daß Uhde ihr Talent erkennt und fördert, obwohl es dessen im Grunde gar nicht bedarf: Séraphine malt nicht für den Ruhm, sondern weil es von ihrem Schutzengel befohlen ward. Mit dem später aufkommenden Ruhm kann sie ohnehin nicht umgehen, wird verrückt, verjubelt ihr Geld und wird eingeliefert.

Über sechzig Jahre nach dem Tod der Künstlerin in einer Nervenheilanstalt hat sich Filmemacher Martin Provost der Geschichte der Séraphine Louis angenommen und eine Filmbiographie daraus gemacht, die der Académie des Arts et Techniques du Cinema sieben Césars wert war. Die aufwendige Produktion zeigt sich in Ausstattungsdetails, Kostümen und Drehorten, die die Jahre vor und nach dem Ersten Weltkrieg lebendig werden lassen, sowie in den ruhigen, durchkomponierten (und gräulich gefilterten) Bildern. Technisch sitzt bei diesem Film alles perfekt.

Darüber hinaus hat Séraphine mit der Brüsselerin Yolande Moreau eine grandiose Hauptdarstellerin, die die Malerin ernsthaft, unglaublich fesselnd und facettenreich spielt: Ihre Séraphine ist eine in sich gekehrte, eigenbrötlerische, bettelarme, naive und zugleich freie, mit scharfen Sinnen die Welt erfahrende Frau, die jedoch in nächtlichen Stunden während des Malens weltentrückte geistige Sphären betritt. Vom schwarzen Humor von Moreaus Louise Hires a Contract Killer ist hier nichts zu spüren.

Trotz all dieser Vorzüge sind die Makel des Films der Mangel an erzählerischer Spannung und darum umso mehr Provosts Entscheidung, Distanz zu seiner Hauptfigur zu wahren. Die Geschichte der Entdeckung eines besonderen (künstlerischen) Talents und des späteren Wahnsinns – der dem Genie ja bekanntlich immer nahesteht – ist doch ziemlich klischeebelastet. Es kommen einem verwandte Film wie A Beautiful Mind, Amadeus oder Shine in den Sinn, doch statt wie in A Beautiful Mind auf das subjektive Erleben des Hauptcharakters einzugehen, wird dem Zuschauer nur ein oberflächliches Erfassen der sinnlichen Welt Séraphines ermöglicht. Doch das Beobachten Séraphines beim Baden, beim Umarmen von Bäumen oder beim Malen usw. ermöglicht nur das Sammeln von Hinweisen auf ihren Geisteszustand. Provost hätte mutiger sein und durch subjektivere Bilder den Geist einer Künstlerin erfahrbar machen sollen. Aber wenn man Filme macht, liebt man anscheinend anders als eine Malerin. 2009-12-15 15:09

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