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Rosas Höllenfahrt

D 2009. R,B: Rosa von Praunheim. K: Elfi Mikesch. S: Mike Shephard. M: Andreas Wolter. P: Rosa von Praunheim Filmproduktion. D: Eva-Maria Kurz, Hamze Bytyci, Judith Evers, Anne Gaedcke, Maurice Ittershagen, Thora Kleinert, Gianni Meurer, Melek Diehl u.a.
90 Min. Basis-Film ab 31.10.09

Die Hölle als Wille und Vorstellung

Von Patrick Hilpisch Ich weiß nicht, ob Sie's wußten: Seit 2007 hat die katholische Kirche einen Höllenkreis weniger. Beim Limbus Puerorum handelt es sich zwar nur um den äußersten der neun konzentrischen Kreise, doch durch die Abschaffung des Vorraumes zur Hölle wird nun auch ungetauften Säuglingen die Gnade der Gottesschau gewährt. Der Limbus als hypothetisches Konstrukt war in Kirchenkreisen bereits länger umstritten. Er sei nie Dogma, sondern stets »theologische Spekulation« über das Schicksal der nicht im Namen Christi Getauften gewesen. Papst Benedikt hat's abgenickt, und der erste Höllenkreis ist (Religions-)Geschichte.

Bis auch Rosa von Praunheim seinem Schöpfer von Angesicht zu Angesicht entgegentreten kann, müssen noch mindestens sechs weitere Höllenkreise fallen, jedenfalls wenn es nach Dante Alighieris »Inferno« geht. Den katholisch erzogenen Homosexuellen erwarten feurige Qualen im siebten Höllenkreis. Denn anders als von der Kirche empfohlen, lebt er nicht zölibatär, sondern »praktiziert« sein Schwulsein. Und wenn er wirklich Pech hat, wird sein öffentliches TV-Outing schwuler Celebrities Anfang der 1990er ihm eine Dauerkarte auf dem heißen Stuhl für Verräter bescheren – im neunten Kreis der Hölle, bei Luzifer höchstpersönlich.

Angesichts dieser alles andere als rosigen Aussichten hat sich der 66jährige auf den Weg gemacht, um selbst ein paar Spekulationen über Ursprung, Konzept und Sinn der Hölle anzustellen. Aus der Kirche ist er zwar mit 19 Jahren ausgetreten, aber sicher ist sicher. Zu diesem Zweck reist er unter anderem nach Israel, zum Katholikentag in Osnabrück, nach Amerika und Holland, läßt Gläubige, Gelehrte, Männer Gottes und Kritiker zu Wort kommen. Vom altbabylonischen Gilgamesch-Epos über das reichlich bebilderte Totenreich der Ägypter bis hin zu christlichen, jüdischen, islamischen und buddhistischen Höllenkonzeptionen – Rosa von Praunheim stellt sie vor, läßt sich von Geistlichen die jeweiligen Besonderheiten darlegen und von Kulturwissenschaftlern den Kern herausschälen. Dabei stößt der Filmemacher auf durchaus höllische Details: Nur bei den Christen währt die Hölle ewig, sogar die Buddhisten sind mit einer beachtlichen Anzahl an Höllen ausgestattet (32), die Juden müssen höchstens ein Jahr in der Hölle für ihre Sünden schmoren und haben samstags frei. »Shomer Shabbat!«

Eines muß man Rosa von Praunheim zugestehen: Er hat viel Material und viele Stimmen für seine persönliche Meditation über die möglichen Qualen nach dem Tod gesammelt. Und während der Dreharbeiten – durch den plötzlichen Unfalltod einer seiner Darstellerinnen – sogar unmittelbare Erfahrung mit dem Verlust des Lebens gemacht. Doch diesem ganzen Wust an religiöser, spiritueller und wissenschaftlicher Information kann der Regisseur keinen wesentlichen Mehrwert entlocken. Die letztendlich gewonnenen Einsichten, daß der Mensch mit der Vorstellung einer unsterblichen Seele seine naturgegebene Endlichkeit negieren will, daß religiöse Jenseitskonzepte mit dieser Angst des Individuums vor dem Tod operieren und dies unsere Kultur stark geprägt hat, bleiben Allgemeinplätze.

Das zentrale Problem des Films sind die Schwerpunkte, die von Praunheim setzt. Das schulmäßige Abhaken der Höllenvorstellungen der einzelnen Religionen nimmt zu viel Raum ein. Es entstehen Redundanzen, die zum einen unnötig und zum anderen alles andere als spektakulär bebildert sind. Da helfen auch die Improvisationen zum Thema Hölle, die der Filmemacher mit befreundeten Schauspielern inszeniert hat und die er immer wieder in die Handlung einstreut, wenig.
Gerade von einem sensiblen Kulturschaffenden wie Rosa von Praunheim hätte man sich erhofft, daß er die Frage nach der Strahlkraft des Höllendiskurses auf die moderne Kunst und Kultur näher beleuchtet.

Die Werke von Dante und Hieronymus Bosch sind natürlich wichtige Meilensteine der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Höllenschlund, die in diesem Kontext nicht fehlen dürfen. Doch mit dem Versuch, die zeitgenössische kulturelle Spiegelung des Höllendiskurses lapidar mit Szenen aus einem Schwulenclub, ein paar Andeutungen zu den Spielformen in der Popkultur sowie einem ärgerlich verkürzten und verzerrenden Ausflug in die Welt des Black Metals abzuhandeln, verschenkt der Regisseur viel Potential und bleibt zu sehr der Oberfläche bzw. seiner eigenen Obsession verhaftet. Es drängt sich der unangenehme Eindruck auf, als solle hier hastig Verpaßtes nachgeholt und allein der Schauwert künstlich erhöht werden.

Rosas Höllenfahrt gibt sich zu Beginn sehr persönlich. Ein alternder Rosa von Praunheim, der mit seinem Schicksal hadert. So ganz abnehmen mag man dem Filmemacher die Ernsthaftigkeit hinter diesem intimen filmischen Ausgangspunkt nicht. Die Problematik »Schwulsein und Religion« ist zwar nahezu omnipräsent, doch von Praunheim bleibt in seiner Rolle als Erzähler und Moderator eher nüchtern und reserviert. Mag sein, daß das »Enfant terrible des deutschen Films« sich nur auf diese besondere Art diesem Thema nähern konnte, dem Film hätten jedenfalls mehr Emotion und Biß gutgetan.

Nach 90 Minuten lauscht man den letzten Worten des Vorkämpfers der deutschen Schwulenbewegung mit der Gewißheit, keine wirklich neuen Erkenntnisse gewonnen zu haben. Im Hinterkopf entwickelt sich jedoch eine Ahnung zu einem Verdacht: Von Praunheim wollte mit Rosas Höllenfahrt so etwas wie eine deutsche Version von Religulous schaffen, nur ohne das exzessive Religions-Bashing, irgendwie ein wenig netter, leiser und (zwangsläufig) billiger. Und das ist leider weder himmlisch lehrreich noch höllisch komisch. 2009-10-27 15:56
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