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Die Päpstin

Pope Joan. D/GB/I/E 2009. R,B: Sönke Wortmann. B: Donna Woolfolk Cross, Heinrich Hadding. K: Tom Fährmann. S: Hans Funck. M: Marcel Barsotti. P: Constantin. D: Johanna Wokalek, John Goodman, David Wenham, Iain Glen, Anatole Taubman, Suzanne Bertish, Lotte Flack, Christian Redl u.a.
148 Min. Constantin ab 22.10.09

Kein Weib – kein Greinen

Von Werner Busch Die Frau auf dem Stuhle Petri blieb auch nach dem Weltbestseller von 1996 Legende. Aber wie bei jeder Legende findet sich auch hier ein wahrer Kern – oder zumindest etwas, das man schlüssig als Kern vermuten darf. Das Papsttum der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts war – und das ist beinahe belegt – durch Theodora I und deren Töchter und Töchterstöchter bestimmt. Sie steuerten die Papsternennungen, waren deren Geliebte und gebaren kommende Päpste, ließen einen davon auch einkerkern und ermorden. Der Fachmann belegt eine solche Mätressenherrschaft gerne mit dem schönen Wort »Pornokratie«. Eine Gruppe von Frauen war also das Machtzentrum Roms und damit der Welt. Die als Mann verkleidete Frau auf dem Papstthron ist ein Sinnbild. In Woolfolk Cross' Roman ist es historische Wirklichkeit, das Fehlen schriftlicher Überlieferungen ist das Resultat einer Vertuschungsaktion des darin so grausamst geübten Vatikan. Mehr noch: Die Johanna des Romans und des Film ist von jeder denkbaren historischen Wirklichkeit weit entfernt, ist schlichtweg zwecks mangelnder Erfindungsgabe aus der modernen Zeit geborgt. Der Roman ist eine emanzipatorische Phantasie.

Regisseur und Coautor Sönke Wortmann erfüllt die Aufgabe »Bestsellerverfilmung«. Zusammen mit einem beinahe ausreichenden Budget, einer gelungenen Kameraarbeit von Tom Fährmann und beinahe ausschließlich gut besetzten Darstellern. Johanna Wokalek kann in der Titelrolle mit vorwiegend leisen Tönen ihr schauspielerisches Können unter Beweis stellen, auch wenn sie insgesamt unterfordert bleibt. Und dann noch der größte Spezialeffekt des ganzen Films: der lange vermißte John Goodman als Papst. Da stört selbst die triefige Musikuntermalung nicht mehr.

Die Päpstin ist eine gelungene Literaturverfilmung. Kein Zweifel. Und gleichzeitig ein unverschämt biederes Stück Kino. Natürlich. Was auch sonst? Es konnten keine Erwartungen übertroffen werden. Die neueren deutschen Multimillionen-Produktionen, die für das Lichtspielhaus und die spätere Fernsehauswertung gleichermaßen gereißbrettet werden, haben die wesensbestimmende Angewohnheit, kreuztrocken daherkommen zu müssen. Es sind Mischwesen aus Fernsehspiel und Kinomonumentalismus, die in beiden Medien »bestehen« müssen. Der Untergang und Der Baader Meinhof Komplex sind die bislang bekanntesten Beispiele. Volker Schlöndorff hatte über mehrere Jahre an diesem Projekt gearbeitet und wurde 2007 wegen negativer Äußerungen in der SZ vor die Tür gebeten, in denen er die neuerliche Praxis der sogenannten Amphibienfilme – in gesitteten Worten – infrage gestellt hatte. Man merke: Kreativkräfte werden bei einem Ding wie Die Päpstin an der kurzen Leine gehalten. Das Beste, das man erreichen kann, ist also nach allen Regeln gut etablierter Handwerkskunst ein Ergebnis abzuliefern, das den größtmöglichen Konsens im medialen Diesseits findet. Das muß nicht zwingend etwas Schlechtes bedeuten. Aber es kann schockierend sein, wenn man genau das bekommt, was man erwartet. Der Wunsch nach einem Pony ist schöner als den haarenden, scheißenden Klepper dann auch rumstehen zu haben.

Die Päpstin ist eine getreue Literaturverfilmung. Genau wie der Roman ist er zäh, naiv und mit einer emanzipatorisch verklärten Hauptfigur versehen. Der Film hat sich von seiner Vorlage nicht emanzipiert, respektive emanzipieren dürfen. Die Entscheidung, eine buchgerechte Von-der-Wiege-bis-zur-Bare-Geschichte zu erzählen, anstatt dem Kern der Geschichte den gebührenden Raum zu geben, der erst am Ende, in Rom, nach eineinhalb Stunden, zum Tragen kommt, ist der große filmische Mißgriff. Aber diese Konzentration wäre nur für das Kino sinnvoll gewesen, nicht bei einem TV-Event-Movie-Doppelpack für den Wühltischschmökerfreund.
2009-10-22 15:16

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