— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Das große Rennen

The Race. IRL/D 2009. R: André F. Nebe. B: Rowan O Neill. K: Dirk Morgenstern. S: Diana Karsten, Dirk Schwarz. M: Eike Hosenfeldt, Moritz Denis, Tim Stanzel. P: Grand Pictures. D: Niamh McGirr, Colm Meaney, Susan Lynch, Jonathan Mason, Eoin McAndrew, Ciaran Flynn, Diarmuid Corr, Ian Beattie u.a.
84 Min. farbfilm ab 29.10.09

Vom Weg abgekommen

Von Natália Wiedmann Das Mädchen, das Pferd, der Vater. Aufsätze warten darauf, zu dieser Trinität geschrieben zu werden. Zu dem erstaunlichen Umstand, daß Pferdefilme ein Mädchengenre wurden, wo es doch mit Fury, The Black Stallion und The Red Pony einen ganz anderen Anfang nahm. Und zu dieser häufig zu beobachtenden Kopplung der Beziehung zwischen Pferd und Mädchen mit einem Vater-Tochter-Konflikt. Ob es sich dabei nun lediglich um eine Vaterfigur handelt (A Horse for Danny mit Leelee Sobieski) oder den leiblichen, ob dabei der Verlust der Mutter und die damit einhergehende Überbehütung durch den traumatisierten Witwer überwunden werden muß (Virginia’s Run oder auch Racing Stripes, letzterer mit Hayden Panettiere), ob es weiter reichende Freiheitsräume sind, die es zu erkämpfen gilt (Zaina, Königin der Pferde), ob der Hof vor dem Ruin oder die Familie vor dem Zerfall gerettet werden muß (Dreamer mit Dakota Fanning) – dies sind nur Variationen, das Zentrum bleibt: das Mädchen, das Pferd, der Vater. Im entscheidenden Augenblick stellt letzterer sich hinter seine Tochter, und das große Rennen wird gewonnen. Das Pferd nun durch eine Seifenkiste zu ersetzen, mag die Grundstruktur nicht ändern, aber was gut gemeint war, ist schlecht durchdacht.

Die Vorteile eines Pferdes sind schließlich nicht von der Hand zu weisen: Es wiehert, ist störrisch, krank, dann doch nur schwanger, rennt noch mal so richtig los, wenn man nur richtig zu flüstern weiß, produziert Traumen, wenn es sich aufbäumt, und Tränen, wenn es stirbt. Da kann so ‘ne Schrottkarre nicht mitziehen, schon gar nicht bei einer Inszenierung, die in etwa so aufregend ist wie ein Rollatorrennen über den Zebrastreifen. Nicht, daß ein Stück Holz mit vier Reifen nicht zu Tränen rühren könnte. Sähen wir nur, wie das Mädchen (nennen wir es doch beim Namen: Mary) all ihre Zeit darauf verwendete, es zu bauen, zu hegen und pflegen, zu feilen und schrauben oder wäre das mechanische Pferd nur wenigstens das Geschenk einer toten Mutter. Ja, das hätte es wohl getan, wie überhaupt tote Menschen in Filmen oft von Vorteil sind und Aufsätze auch darüber geschrieben zu werden warten, wie sich das Genre zu seinen Toten verhält: Die unbekannten Toten am Anfang (Krimi), die toten Protagonisten am Schluß (Drama), die tausend Abstufungen (Mord, Krankheit, Unfall, Alter der Toten, Beziehung zu den anderen Figuren etc.) sind jetzt aber nicht von Belang, das ist ein anderes Kapitel. Und dann doch des Pudels Kern, denn zu viele Kapitel schlägt auch dieser Kinderfilm auf.

Mobbing in der Schule, Entfremdung der Eltern, der Vater grantig und die Mutter Anlaß für Gerede, der Hof kann nicht länger gehalten werden, und auch der beste Freund zieht schließlich weg: Selbst eine begnadetere Jungschauspielerin hätte Schwierigkeiten, mit diesem überfrachteten Schiff nicht zu sinken. Bemüht, die Protagonistin trotz ihres Interesses für Motorsport nicht zum Tomboy zu klischieren, mutet man ihr einen Spagat zwischen rosa Bettwäsche und Rennfahrerposter, zwischen Waghalsigkeit und Strebertum zu, für den ihr braves Gesichtchen leider nicht das nötige Blitzen in den Augen besitzt – da schneidet Jonathan Mason als bester Freund Tom um einiges besser ab. Will man eine Lanze für Geschlechterdarstellungen jenseits überkommener Konventionen brechen, ist es zudem wenig zuträglich, die Teilnahme des Mädchens am Seifenkistenrennen als Problem oder als Besonderheit zu markieren, weist man ihr damit doch nur eine Ausnahmestellung zu. Ohnehin bleibt es der Daddy, der schließlich alles richtet: Trotz Marys bekundeten Technikinteresses, ausgedrückt in dem Wunsch, Ingenieurin zu werden, ist es schließlich der Vater, der ihr mit einer Konstruktion zur Verlagerung des Schwerpunkts den Sieg ebnet – die er selbst gebaut hat, als er in ihrem Alter war. Der Eindruck, Marys angebliche Leidenschaft sei leidlich konstruiert, zementiert der Film nicht zuletzt mit zwei kleineren Unfällen, bedauerlicherweise so unspektakulär inszeniert wie das titelgebende Rennen – darauf immerhin ist man schon vorbereitet, nachdem der Vater seiner Tochter vorbetete, es sei das Wichtigste, auf der Straße zu bleiben.

Natürlich hat er irgendwie recht, metaphorisch zum Beispiel. Die Konkurrenten, die vom Weg abkommen, sind ja nichts anderes als die Seitenstränge, die schließlich nutzlos und unbeachtet im Graben liegen, die dramaturgischen Leichen nachgerade. Dies ist kein Plädoyer für problembereinigte Spaßkinderfilme, im Gegenteil: Die Rennen der strukturähnlichen Pferdefilme sind gerade deswegen mitreißend, weil immer so viel mehr auf dem Spiel steht als nur das Preisgeld – das funktioniert aber nur, wenn die Konflikte nicht mechanisch aneinandergereiht werden und wenn der Wettkampf den möglichen Turning Point darstellt, nicht das Trostpflaster auf den künstlich aufgeschürften Wunden.
2009-10-23 15:06
© 2012, Schnitt Online

Sitemap