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Unter Strom

D 2008. R,B: Zoltan Paul. B: Uli Brée. K: Christopher Rowe. S: Sebastian Thümler, Ben von Grafenstein. M: Julian Adam Pajzs, Thomas Mehlhorn. P: Next Film Filmproduktion. D: Harald Krassnitzer, Catrin Striebeck, Robert Stadlober, Hanno Koffler, Tilo Nest, Sunnyi Melles, Ralph Herforth u.a.
81 Min. Salzgeber ab 10.12.09

Vom Dosenwerfen

Von Carsten Tritt Das Klischee ist zu unrecht geringgeschätzt. Schon in der Antike gab es Rollentypen, und wenn der Drehbuchautor auf Stock Characters zurückgreift oder das Baukastenprinzip heranzieht, wird das dem Großteil des Publikums nicht einmal auffallen – selbst im Arthousebereich ist so was gang und gäbe. Der Zuschauer regt sich über das Klischee meist auf, wenn er es doch erkennt, statt es auch gelegentlich zu würdigen. Schließlich hat der Filmemacher dank Typus und Genrebausteinen die Möglichkeit, schnell und ohne Umwege im bekannten Kodex allgemeinverständliche Situationen zu konstruieren, um sich so dem wirklich Wesentlichen seiner Erzählung oder Inszenierung zu widmen, oder kann gelegentlich sogar mit einfachsten Mitteln Verwirrung stiften, indem er das Klischee nur minimal verschiebt oder gegen einen Kodex verstößt. Selbst jedoch das reine Zelebrieren des Bekannten vermag, wenn gut gemacht, höchstes Vergnügen bereiten, wie z.B. der mit den Jahren gut gereifte Independence Day oder selbst RTL-Fernsehware wie Das Biest im Bodensee beweisen, und bei Casablanca ist inzwischen gar schwierig herauszufinden, was bereits 1942 Klischee war und was seither erst dazu geworden ist, ohne daß dies dem Genuß Abbruch täte.

Zoltan Pauls Unter Strom arbeitet nur mit Stereotypen und Klischees – der unschuldig Verurteilte, das zerstrittene Paar, der konservative Politiker, unglaubwürdige Flucht und krampfhaft konstruierte Geiselnahme. In der Exposition funktioniert das, der Film kommt sofort in Fahrt, Tempo ersetzt Glaubwürdigkeit. Doch hiernach kommt nichts Neues, und sodann verbleibt mit der Konstruiertheit des Buches nur Vorhersehbarkeit. Unter Strom hat weder Inszenierungsideen noch Witz, der neue Betonungen setzen könnte. Wenn zudem sämtliche Figuren Flitzpiepen bleiben, sind sie nicht nur uninteressant, sondern wirkt der Versuch des Regisseurs, Empathie für sie zu erheischen, fast befremdlich. Was bleibt ist ein dünnes, unausgegorenes Filmchen, das den Rezensenten ratlos mit der Frage zurückläßt, ob hier überhaupt eine filmische oder sonstige Idee verfolgt werden sollte. Eine Unschlüssigkeit, was noch mißlungene, weil unwitzige Parodie und was sogar ernstgemeint sein könnte, zieht sich durch 80 Minuten und wird nur gelegentlich durch die eigentlich hervorragende Filmmusik beantwortet, die allerdings deswegen ein wenig wie ein Fremdkörper erscheint, weil sie sich in ihrer Qualität vom Rest der Inszenierung so deutlich abhebt.
2009-12-09 15:08

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #56.

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