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Das Vaterspiel

A/D/F 2008. R,B: Michael Glawogger. K: Attila Boa. S: Vessela Martschewski. M: Olga Neuwirth. P: Tatfilm, LOTUS Film. D: Helmut Köpping, Sabine Timoteo, Ulrich Tukur, Christian Tramitz, Izchak Finzi, Michou Friesz, Franziska Weisz u.a.
117 Min. Alamode ab 26.11.09

Generation Deckmantel

Von Susan Noll Um die in den Medien so oft beschworene Wirkung von virtuellen Ballerspielen auf gewaltbereite Jugendliche soll es in diesem Film nicht gehen, auch wenn der Protagonist ein solches entwirft. Auch die Väter spielen eigentlich nur am Rande eine Rolle, sie sind nur eine Bedingung für alles, was in knapp zwei Stunden bei Michael Glawogger verhandelt wird. Das Computerspiel ist ein Vatermörderspiel, sehr plastisch kann da der Alte abgeknallt werden, den man schon so lange loswerden will. Ratz, der sich mit seinem Vater, einem Politiker, nie einig war, rechnet in der virtuellen Welt endlich ab, eine andere Form der Auseinandersetzung kennt er nicht.

Umso mehr muß er sich seiner eigenen Vergangenheit stellen, als Mimi, eine alte Studienkollegin, ihn bittet, zu ihr nach Amerika zu kommen. Den Grund nennt sie ihm nicht. Ratz denkt nicht lange nach, denn Mimi konnte er noch nie widerstehen. Diese Reise wird für ihn und den Zuschauer ein Weg in andere Zeiten, die so fern scheinen, aber immer wieder in unsere Gegenwart durchbrechen. Denn Mimis Großmutter versteckt in ihrem Haus einen Naziverbrecher, und Ratz soll für ihn den Keller ausbauen.

Konfrontiert mit Moral und Geschichte werden hier nicht nur die Protagonisten. Der Film formiert sich als Generationenfrage an sein Publikum, spielt an auf Spannungen zwischen Vätern und Söhnen, die unausgesprochene Vergangenheit, die jede Familie unserer Gesellschaft prägt, und den Wunsch, eindeutig Position beziehen zu können. Daß das nicht leicht ist, zeigt Das Vaterspiel mit einer experimentellen visuellen Gestaltung. Alle Bilder offenbaren Schichten, spielen mit Vieldeutigkeiten und entwerfen bewußt Zwischenräume. In Ratz’ Realitätswahrnehmung findet das Computerspiel Eingang, Farben und Licht haben einen giftigen Gelbstich, alles wirkt künstlich. Über Top Shots von erleuchteten Städten liegen Choräle eines klassischen Musikstücks, dessen Bedeutung sich erst spät im Film erschließen wird. So funktioniert auch Glawoggers Erzählhaltung: minimalistisch, kryptisch, wie ein digitaler Code. Worum es hier geht, entblättert sich erst nach und nach, Schicht um Schicht, als essentielles Seh- und Konstruktionserlebnis.
2009-11-19 13:02

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #56.

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