Draußen vor der Tür
Von Franziska Schuster
Was tut ein Kinoregisseur, der einen Kunstfilm machen will? Vielleicht dreht er in Schwarzweiß, reduziert die Anzahl der Dialoge und verwendet lange Einstellungen, in denen fast nichts passiert, deutet eine Geschichte nur an und rückt Nebensächlichkeiten ins Zentrum. Vielleicht quälen sich die Filmkritiker dann durch eine schlafinduzierende Projektion und loben hinterher wahlweise die Bildkomposition oder klagen über das Mißverständnis, daß Kunst nicht unterhaltsam sein dürfe… Es folgt ein »Aber«. Denn Béla Tarrs Adaption des gleichnamigen Romans von Georges Simenon macht all das – und ist wunderschön. Kontrastreiche, tiefschwarze oder gleißend helle Bilder, eine strenge Komposition, weite Totalen und endlose Close Ups auf Gesichter, Endzeitstimmung, Unmenschlichkeit, die durch rührend gefühlvolle Momente gebrochen wird.
Die erste Einstellung – die Kamera schwenkt minutenlang einen Schiffsrumpf hinauf – genügt, wie das Stimmen des Orchesters vor Beginn einer Oper, den Zuschauer in den Film wie in einen Theatersessel hineinsinken zu lassen. Die Krimihandlung spielt in einem fremden Europa, in einer archaischen, düsteren Hafenstadt, deren Bewohner gleich lebenden Toten ihr Dasein fristen, in den erstarrten Strukturen einer degenerierten Gesellschaft. Hier beobachtet Maloin von seinem nächtlichen Arbeitsplatz aus einen Mord. Weil er sich selbst in Besitz der Beute bringt, um die Täter und Opfer gestritten hatten, wird er in eine Geschichte hineingezogen, die mit der eigentlichen Filmhandlung tatsächlich nur eingeschränkt deckungsgleich ist. Von den Fortschritten der Verbrechensaufklärung erfährt der Zuschauer durch belauschte Gespräche und Zufallsbeobachtungen, die entscheidenden Ereignisse finden außerhalb des Bildes statt. In einer Szene verharrt die Kamera buchstäblich draußen vor einer Tür, hinter der es um Leben und Tod geht – doch ganz nebenbei wird schließlich auch das aufgeklärt. Ein Kunstfilm, zweifelsohne. Und rasend unterhaltsam.
2009-11-10 13:13