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Eine Perle Ewigkeit

La Teta Asustada. E/PE 2008. R,B: Claudia Llosa. K: Natasha Brier. S: Frank Gutiérrez. M: Selma Mutal. P: Oberón Cinematográfica S.A, Vela Producciones, Wanda Visión S.A. D: Magaly Solier, Susy Sanchez, Efrain Solis, Marino Ballon, Antonio Prieto, Bárbara Lazón u.a.
94 Min. Neue Visionen ab 5.11.09

Vererbtes Leid

Von Tamar Noort Kurze Augenblicke unhistorischen Empfindens, nur Kindern und Tieren vorbehalten, versprechen einfaches Glück. Findet der Mensch jedoch seinen Platz in der Zeit – indem er sich seiner Vergangenheit, seiner Gegenwart und seiner Zukunft bewußt wird – ist ihm dieses Glück versagt. Der Mensch ist ein historisches Wesen, sein Gedächtnis befähigt ihn zu kulturellen Leistungen – aber zugleich legt es ihm auch den Fluch des Erinnerns auf. Nietzsches Idee einer Historie, die dem Menschen zum Nutzen und zum Nachteil werden kann, findet sich wieder in dem neuen Film der peruanischen Regisseurin Claudia Llosa. Ihre Heldin Fausta, zart und barsch zugleich, lebt wie eine Fremde in ihrer eigenen Gegenwart. Sie hat sich die Vergangenheit der Mutter zu eigen gemacht und quält sich mit Traumata, die nicht die ihren sind, sondern die ihrer Elterngeneration. Als ihre Mutter mit ihr schwanger war, wurde sie brutal vergewaltigt – und in ihren Klagegesängen hat sie Trauer, Angst und Schmerz ein Leben lang an ihre inzwischen erwachsene Tochter weitergegeben. Fausta lebt in einem Kokon aus Angst, die Erinnerungen ihrer Mutter hüllen sie ein und schirmen sie von der Außenwelt ab.

Nietzsche sieht das Leben und die Historie als widerstreitende Kräfte, die der Mensch in Balance zu bringen hat. Das Individuum wie auch das Kollektiv braucht die Vergangenheit zur Selbstvergewisserung, zum Aufbau einer stabilen Identität. Indem der Mensch sich an sein vergangenes Selbst erinnert, manifestiert sich sein Ich in der Gegenwart. Was aber, wenn die Erinnerung nicht die eigene ist – und sich das Selbst aus den Erfahrungen anderer aufbaut? Es entsteht eine Leerstelle, die der Mensch selbst nicht zu füllen vermag. Fausta versucht, das Vakuum in ihr zu füllen – mit Musik. Indem sie singt, verankert sie sich im Hier und Jetzt; ihr Gesang kommt aus tiefster Seele. Die Lieder entstehen in dem Moment, in dem sie den Mund aufmacht und ihr Körper die Klänge bereits bildet – gegenwärtiger könnte die Musik kaum sein.

In ihrem Kampf um eine eigene Gegenwart zeigt Fausta alle Symptome der traumatisierten zweiten Generation nach dem Krieg. Tiefes Mißtrauen, Angst, Härte gegen sich selbst und die ständige Beschäftigung mit den Erlebnissen der Eltern – das sind die Symptome jener Kinder, die mittlerweile selbst Großväter und Großmütter sind, und deren Stimme vor allem in deutscher Geschichtsschreibung vergleichsweise wenig gehört worden ist. Weil die Deutschen sich in ihrer kollektiv gefühlten Schuld vor allem der Erinnerung an Opfer hingeben, kommt die Aufarbeitung der Traumata von Überlebenden oft zu kurz. Die Folge: Sie geben ihre unverarbeiteten Ängste an ihre Kinder weiter. Dieses psychologische Konstrukt manifestiert sich in der peruanischen Mythologie in dem Glauben, daß Mütter, denen Leid widerfahren ist, die »Krankheit der Angst« auf ihre Töchter übertragen – mit der Muttermilch sozusagen.

Die Schilderung dieser Krankheit und Faustas langsamer Heilungsprozeß nimmt der Film sich vor. Faustas schmerzende Schutzhülle bekommt Risse, als ihre Mutter stirbt – es ist Zeit, sich der fremden Erinnerungen zu entledigen und sich eine eigene Gegenwart aufzubauen.

Magali Solier, die bereits in Llosas erstem Film Madeinusa die Hauptrolle spielt, verkörpert Fausta mit einer eindrucksvollen Mischung aus Verletzlichkeit und Kraft. Sie habe sich Faustas Blicke aus dem Tierreich abgeguckt, gesteht die Schauspielerin. Damit schenkt sie der Figur eine Urkraft, die hinter jedem entrückten Blick eine zutiefst zerrissene Seele erahnen läßt, zugleich aber den erwachenden Überlebenswillen der Figur glaubwürdig macht.

Faustas Suche inszeniert Llosa wie einen Irrweg ins Ich. Frei von Orientierungspunkten setzt Fausta zaghafte Schritte in ein eigenes Leben.

Diesen Weg inszeniert Claudia Llosa mit kraftvollen Bildern. Ständig scheint Fausta auf der Flucht, doch allzu oft scheinen ihre Wege ins Nichts zu führen. Ihre existenzielle Angst spiegelt sich in den kargen, grauen Vororten Limas – doch im paradiesischen Garten, in dem sich Fausta zumindest halbwegs wohlfühlt, schimmert ein Funken Hoffnung auf. »Erst durch die Kraft, das Vergangene zum Leben zu gebrauchen und aus dem Geschehen wieder Geschichte zu machen, wird der Mensch zum Menschen«, schreibt Nietzsche. Für Fausta wünscht man sich sehnlichst, sie möge diese Kraft finden und Leben und Historie wieder in Balance bringen.
2009-10-30 18:04

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