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Der Besucher

Muukalainen. FIN/D/EST/GB 2008. R,B: Jukka-Pekka Valkeapää. B: Jan Forsström. K: Tuomo Hutri. S: Mervi Junkkonen. M: Arvo Pärt. P: Helsinki Filmi, Exitfilm, Bluelight. D: Pavel Liska, Emilia Ikäheimo, Jorma Tommila, Vitali Bobrov, Heini Jaanus, Lauri-Kare Laos, Pauli Poranen, Hendrik Toompere u.a.
105 Min. Farbfilm ab 5.11.09

An den Abgründen der Extreme

Von Christian Lailach Habt ihr Besuch bekommen? Er wird eine Zeit bei euch bleiben. – Ein kaum wahrnehmbarer Kunstfilm legt sich hier auf die Leinwand, läßt nur wenig hindurch. Keine bunten Farben, keine oberflächlichen Dialoge. Wenn du dir am Ende nicht die Frage nach dem Sinn stellst, nicht weiter grübelst, was wohl in dem Kästchen gewesen sein mag, verstehen wir uns. All diese Fragen brauchen keine eindeutigen Antworten.

Nun, Der Besucher ist ein Film sondergleichen. Sanft und lautlos baut Valkeapää eine verhalten beklemmende Atmosphäre auf, die auf ihrem Gipfel in abertausend Stücke zerbirst. Ein Junge lebt mit seiner Mutter in den finnischen Weiten; keine Zivilisation, nirgends. Hin und wieder besucht er seinen Vater, der in einem kargen Gefängnis einsitzt. Er setzt sich zu ihm, reicht ihm ein Kästchen Tabak, schaut nach dem Wärter und geht nach einer kurzen Unterhaltung zurück durch den Wald. Der Junge ist stumm, wie dieses filmische Kunstwerk bisweilen auch. Folglich liegt es an den Bildern, jeder einzelnen Einstellung, jeder noch so kleinen Regung, die Geschichte umso intensiver zu erzählen; eine Geschichte vom Alleinsein, Kindsein, von Verantwortung, Mut, vom Entdecken und Begreifen. Schlußendlich vom Lauf der Zeit. Valkeapääs Film gleicht einem Traum. Nach dem Erwachen schwinden allmählich die Details und tauchen erst Tage später wieder auf; meist zusammenhanglos in unpassenden Situationen, manchmal in ganzen Sequenzen.

Der Rhythmus von Der Besucher, der deinem Atmen zu gleichen scheint, führt dich ganz nahe an dessen Hauptfigur. Doch mag das Gefühl nicht weichen, daß gar nicht Valkeapää, sondern vielmehr Bobrovs Figur des Jungen nicht bereit ist, seine Welt mit dir zu teilen. Je reduzierter und zugleich ausdrucksstärker er an dir vorbeiblickt, desto stärker zieht er dich in seinen Bann. Je tiefer du in seine Welt vordringst, umso mehr verlierst du dich in ihr. Es scheint auf diese Weise vieles gelöst, doch die Wahrheit, die bleiben Valkeapää und Bobrov dir schuldig. Dies ist auch das Meisterhafte der Geschichte, sie nicht aufzulösen bis in alle Winkel, Fragen offenzulassen, sie gar nicht erst als solche zu formulieren. Ebenen der Wahrnehmung verschwimmen, changieren zwischen Gesehenem und Gewolltem, zwischen Tat und Vorstellung.

Der Besucher mit Attributen zu belegen fällt schwer, da er diesen ebenso widerspricht. Spannend, nicht strapazierend; brutal, nicht gewaltsam; langsam, nicht schleppend. Valkeapää wandert mit einer selten gesehenen Perfektion an den Abgründen der Extreme. Zurückhaltung allerorten, vier Figuren, ein Haus im Wald, eine Gefängniszelle, immer wieder die gleiche Perspektive. Dabei rankt sich alles viel weniger um die Geschichte als um ein Geheimnis, dessen Einfluß mit der unheimlichen Anziehung des Besuchers immer stärker zum Tragen kommt. So, wie dieser plötzlich auftaucht, verschwindet er auch wieder und mit ihm alle Fragen.

Die einzige, die nie vergehen mag, ist die, weshalb der deutsche Verleih sich für eine Synchronisation entscheidet. Die durchdringenden Bilder, die jede Mimik, jeden Ton wahrnehmbar werden lassen, mit etwas Künstlichem zu belegen ist waghalsig und widersinnig zugleich. Ein Tor, der nun behaupten mag, Untertitel lenken womöglich von diesen Bildern ab, zumal die insgesamt etwa zehn Dialogzeilen sich oftmals simultan aus der Situation erschließen und das Publikum, welches Der Besucher sieht, sicher nicht auf Lasershow und XXL-Maxi-Menü steht. Der Gesamtwirkung des Films tut dies jedoch keinen Abbruch, gerade ob der wenigen Dialoge. Bei einem höheren Sprachanteil hätte diese Entscheidung schnell eine fatale werden können.

So hast du lang gefürchtet, nicht die perfekten Worte zu dieser Rezension gefunden zu haben und dem Film dadurch nicht gerecht zu werden; ihn mit nur einem falschen Wort zu diskreditieren. Manch einer mag dies in der allgegenwärtig offensichtlichen Übertreibung erst recht begründet sehen; jedoch nur solange, wie er den Weg in die Vorführung scheut. Daß Der Besucher nicht einmal unter den Programmkinogängern für alle zugänglich ist, muß wahrscheinlich einfach hingenommen werden, auch wenn dies gleichsam eine gewisse Tragik in sich birgt. Vielleicht aber zieht ein durchweg positives Echo auch die ganzen Psychos in die Kinosäle. Sicher ist nur, diejenigen, die Valkeapää mit seinem ersten Langfilm erreicht, die werden nicht mehr von ihm lassen können. 2009-10-29 13:00

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