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Looking for Eric

GB/F/I/B/E 2009. R: Ken Loach. B: Paul Laverty. K: Barry Ackroyd. S: Jonathan Morris. M: George Fenton. P: BIM, Canto Bros., Les Films du Fleuve u.a. D: Steve Evets, Eric Cantona, Stephanie Bishop, Gerard Kearns, Stefan Gumbs, Cole Williams, Dylan Williams u.a.
116 Min. Delphi ab 5.11.09

Fußball ist unser Leben

Von Carsten Happe Die Gemeinsamkeiten zwischen Ken Loach, dem britischsten aller Sozialfilmer, dem cineastischen Anwalt der kleinen Leute und Chronisten der Arbeiterklasse im Wandel der Jahrzehnte, und Eric Cantona, dem legendären französischen Fußballstar in Diensten von Manchester United, der mehr Fangesänge auf sich vereinte als so ziemlich jeder andere Spieler auf der Insel, sind größer als der erste Blick offenbart. »It’s self evident to me that a film is a collaboration«, bekennt der Regisseur in dem 1998er-Interviewband »Loach on Loach« und schlägt damit in die gleiche Kerbe wie Cantona in einer der Schlüsselszenen von Looking for Eric, als ihn Eric Bishop, die eigentliche Hauptfigur des Films, nach dem größten Moment seiner Fußballkarriere fragt: Cantona nennt weder einen Pokalsieg oder ein entscheidendes Tor, sondern einfach einen besonders gelungenen Paß zu seinem Mannschaftskollegen Ryan Giggs. Eric Bishop hakt nach – was, wenn Giggs den Paß nicht verwertet hätte? Doch Cantona gibt nur trocken zurück: »You must trust your teammates. Always.«

Looking for Eric ist weit weniger ein Fußballfilm, als es zunächst den Anschein haben könnte, nicht zuletzt durch seinen unerwarteten Star, allerdings sind die Primärtugenden des Spiels wie Teamgeist und Kampfeswillen entscheidende Komponenten der Story. Der hemdsärmelige Mannschaftssport durchzieht als wenig verschlüsselte Metapher jede Faser des Films, und in seinem Plädoyer für die uneingeschränkte Solidarität ist auch Looking for Eric ein nahezu klassischer Loach. Mit einer Ausnahme: Es ist sein witzigster, verspieltester, einfach unterhaltsamster Film seit vielen Jahren.

Diese Behauptung ist leidlich bekannt aus Rezensionen zu den jeweils neuesten Filmen von Woody Allen – die Karrieren der beiden seit mehr als vier Jahrzehnten aktiven Filmemacher verlaufen seit etlichen Jahren nahezu parallel: fast jährlicher Output, eingespielte Drehteams, vertraute Milieus und Topoi – im vorliegenden Fall ist sie jedoch, nach dem grimmigen The Wind that Shakes the Barley und dem abgebrühten It’s a Free World, wahrer denn je. Looking for Eric taucht zwar einmal mehr tief in die britische Arbeiterklasse hinab, doch der bekannt trockene Humor kommt hier nicht allein trotzig rüber, bisweilen findet er auch Ausdruck in warmherziger Lebensfreude. Dabei ist die Ausgangslage verzweifelter als eine 0:5-Heimniederlage im Champions League-Halbfinale.
Dem Briefträger Eric Bishop aus Manchester entgleitet seine Existenz zusehends. Seine halbstarken Stiefsöhne tanzen ihm auf der Nase herum, sein eintöniger Job frustriert ihn nur noch mehr. Am meisten nagt an dem resignierten Mittfünfziger jedoch, daß er vor fast 30 Jahren seine große Liebe Lily mitsamt der gemeinsamen Tochter schnöde sitzen ließ. Dabei spukt sie nach wie vor durch sein Leben, nicht zuletzt wohnt sie gleich um die Ecke, aber einfach mal wieder ansprechen, das wäre eindeutig zu viel verlangt. Auftritt: Cantona. Nach wohlmeinenden Aufmunterungsversuchen von Erics Kumpels und einem Joint zuviel, erscheint ihm sein größtes Idol unvermittelt im eigenen Schlafzimmer. Um keine noch so abgedroschene Lebensweisheit verlegen, rüttelt der Starkicker den Postboten noch einmal so richtig wach, verpaßt ihm ein individuelles Coachingprogramm und fast so etwas wie einen Masterplan für die Hürden in seinem Leben, die Eric daraufhin gemeinsam mit seinen Freunden und Kollegen in einer grandiosen Camouflage – wir alle sind Cantona! – zu meistern versteht.
Soviel Euphorie war selten bei Loach, doch wer wie er so oft dem alltäglichen Überlebenskampf ins Antlitz geblickt hat, darf sich einmal guten Gewissens in eine Märchenutopie flüchten – die nichtsdestotrotz fest in der Realität verankert ist – in der einem ein Fußballheld das eigene Leben regelt und der Zusammenhalt in der Gemeinschaft über den Eigensinn des Individuums obsiegt. Alle mitsingen: Ooh, aah, Can-to-na!
2009-11-03 11:09

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