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Endstation der Sehnsüchte

D 2009. R,B,S: Cho Sung-Hyung. K: Axel Scheppat, Ralph Netzer, Stefan Grandinetti. P: Flying Moon Filmproduktion.
97 Min. Zorro ab 29.10.09

Zurück in die Zukunft

Von Martin Wertenbruch Zu Beginn des Films sind koreanische Krankenschwestern zu sehen, die am Frankfurter Flughafen ihre neue Heimat betreten. Knappe Schrifttafeln umreißen den Zusammenhang. Erzählen sollen bei Cho Sung-Hyung vornehmlich die Menschen vor der Kamera.

Am Anfang, zwischen 1960 und 1970, war Heimat für die rund 10.400 koreanischen Frauen noch eine statische Größe. Die Motive für die Migration variierten individuell, lassen sich insgesamt aber mit der damals schlechten wirtschaftlichen Lage Südkoreas erklären. Neben den Frauen migrierten auch ca. 8.600 koreanische Männer in die Bergbaureviere der Bundesrepublik, um unter Tage zu arbeiten. Einige der Zugezogenen kehrten zurück, viele aber blieben und wurden teilweise mit deutschen Partnern seßhaft. Allen gemeinsam ist, daß sie regelmäßig Geld nachhause schickten; Geld, das den Aufschwung Südkoreas mitfinanziert hat.

Nach ihrem preisgekrönten Dokumentarfilm Full Metal Village begibt sich die aus Südkorea stammende Regisseurin nun in ihr Herkunftsland. Ihr Heimatbegriff hat durch die eigene Migration eine Dynamik gewonnen, die auch die drei koreanisch-deutschen Ehepaare erleben, die im Mittelpunkt des Films stehen.

Die Reise zur Endstation der Sehnsüchte führt auf die ehemalige Insel Namhae, die durch Brücken mit dem Festland verbunden ist. In der landwirtschaftlich geprägten Region liegt oberhalb einer idyllischen Bucht das Dogil Maeul, das »deutsche Dorf«. Der etablierende Blick vom Unterdorf hinauf zeigt weißverputzte Häuser mit roten Ziegeldächern, die sich an den Berghang schmiegen oder besser klammern. Denn die Straßen sind teilweise derartig steil, daß Mensch und Maschine Schwierigkeiten haben, sie zu erklimmen.

Schwierigkeiten mit der Bebauung hat auch Armin Theis, der erst einmal eine Lanze für deutsche Handwerkskunst bricht, während er sein Dach zur Sicherheit noch einmal mit Silikon abdichtet. Stolz präsentiert er zudem seinen etwas grotesk wirkenden Betonmischer, den er mit in die neue Heimat gebracht hat. Er bedient hier stellvertretend das Klischee, für das koreanische Touristen am Wochenende die steilen Straßen blockieren und vor – gern aber auch hinter – den Gartenzäunen der »Langnasen« posieren.

Armin und seine Frau Young-Sook stellen deutsche Back- und Wurstwaren her, die im Dorf Anklang finden. Ludwig Straus-Kim ist einer der dankbaren Abnehmer für Würste und offenbart einige Schwierigkeiten mit der inzwischen schon nicht mehr so ganz neuen Lebenssituation. Aber zwischen den Zeilen der vordergründigen Nörgelei stecken noch ganz andere Herausforderungen dieses Unterfangens. Das deutsche Dorf ist die Erfindung eines ehemaligen Landrats. Durch Migrationserfahrungen in der Verwandtschaft hatte er die Sehnsüchte seiner ausgewanderten Landsleute über Jahrzehnte verfolgt und entwickelte vor einigen Jahren die Idee eines Heimkehrortes. Die dünn besiedelte Region sollte durch die »HeimkehrerInnen« neue Impulse erfahren. Die finanziellen und sozialen Anreize klangen verlockend. Daß es doch anders gekommen ist, mag nicht zuletzt damit zusammenzuhängen, daß der Landrat abgelöst und seine Pläne nicht weiter verfolgt wurden. Die Lamentos sind also nicht bloß Trotz und Nörgelei, sondern echte Enttäuschungen über die Umstände dieses Wohnprojekts.

Aber die Siedler packen es an. Dabei geht jeder auf seine Weise mit dem alten/neuen Leben um. Willi Engelfried gelingt vielleicht noch am ehesten die »stille Integration« (und hier wiederholt sich Migrationsgeschichte – nur anders herum). Er läßt sich auf traditionelle Tanzkurse ein und wagt sich unter koreanische Männer, mit denen er beim Essen Konversation versucht. Dafür erntet er Lob von den Nachbarn, deren Forderungen nach integrativer Eigenleistung dem deutschen Zuschauer irgendwie bekannt vorkommen.

Cho Sang-Hyung zeigt auch in diesem zweiten Heimatfilm ihr Gespür für die Protagonisten. Die zugelassene Nähe ermöglicht dem Zuschauer eine Teilhabe an ihrer besonderen Lebenssituation. Dabei geht es, wie auch in Full Metal Village, nur vordergründig um die Kontraste.

Als sich Chunn-Ja im Wohnzimmer mit einer Nachbarin unterhält, wird nicht untertitelt. Weder für Willi noch für den Zuschauer. So kann sich der Zuschauer in die selbst gewählte Sprachlosigkeit einfühlen. Diese führt durchaus zu lustigen Szenen, was vor allem an den drei Paaren liegt, die hier ihr vielleicht letztes großes Abenteuer gemeinsam erleben, für das sie (zurück) in eine ungewisse Zukunft aufgebrochen sind.
2009-10-22 13:00

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