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Die Bucht – The Cove

The Cove. USA 2009. R: Louie Psihoyos. B: Mark Monroe. K: Brook Aitken. S: Geoffrey Richman. M: J. Ralph. P: Diamond Docs, Fish Films u.a. D: Joe Chisholm, Mandy-Rae Cruikshank, Charles Hambleton, Simon Hutchins, Kirk Krack, Isabel Lucas, Richard O'Barry, Hayden Panettiere u.a.
92 Min. drei-freunde ab 22.10.09

Walbetrug im Kühlregal

Von Sven Lohmann »Viele Menschen haben Tiere gern – und die Tiere haben die Menschen gern«, sagte Helge Schneider einmal. Ric O'Barry kennt das: Er war in den 1960ern Delphintrainer für die TV-Serie Flipper und trägt so Mitschuld an der Delphinverliebtheit, die damals einen Boom von Delphinshows zeitigte. Heute ist es ihm ein Greuel, Delphine in Gefangenschaft zu wissen – da sie dort enormem Streß und völlig widernatürlichen Lebensbedingungen ausgesetzt sind. Eine probate Lösung für das Dilemma: Der delphinophile Mensch soll seiner Neigung im Kino frönen können. Im Grunde eine gute Idee.

Der Fotograph Louie Psihoyos drehte also einen Dokumentarfilm mit dem Delphinaktivisten O'Barry. The Cove ist im Grunde Aufklärung über Delphinjagd; das substantiell wesentliche Resultat ein Lebensmittelskandal: In einem japanischen Städtchen werden Delphine, die gewissermaßen als Beifang der Showdelphine übrigbleiben, kurzerhand als teures Walfleisch etikettiert bzw. inkognito in Schulen und Kantinen verfüttert. Das ist äußerst bedenklich, weil Delphin – als Endpunkt der Nahrungskette – hochgradig mit Quecksilber und anderen Giftstoffen belastet ist.

Erstaunlicherweise wird dieser eigentliche Substanzkern des Films aber eher marginal abgehandelt. Vielmehr plädiert hier gegen die Delphinjagd zuvorderst das Argument, daß man Delphine doch einfach gern haben müsse und nur Unmenschen sie folglich töten und essen können. Entsprechend werden die Fischer, die von der Delphinjagd leben müssen, als brutale Widerlinge gezeigt; nach wirtschaftlichen und sozialen Hintergründen fragt der Film nicht erst. Anstelle dessen klotzt die Inszenierung nur so mit Emotionen und Dramatik, kommentieren die Mitwirkenden schluchzend die Aufnahmen des Delphinschlachtens. Daß die nicht schön anzusehen sind, stimmt. Delphine sind ja so staunens- und liebenswert wie jede andere Tierart es ist, wenn man sie einmal näher betrachtet. Man fragt sich bloß, wie das denn dann erst mit den ganzen Schweinen sei. Und daß man Delphinarien boykottieren sollte, ist ja nun hinlänglich bekannt. So kommt die flammende Enthüllungsdoku über das Prädikat »nett gemeint« letztlich nicht hinaus, verärgert dafür mit geschmackloser Emotionshascherei.

Damit gesellt sich The Cove zu jenen zeitgenössischen Naturdokumentationen, die dazu neigen, den Zuschauer aufwendig durch Bilder von schwitzenden Eisbären zu Spenden zu rühren, statt zusammenhängend über Ökologie bzw. Ursachen und globale Folgen von Umweltzerstörung aufzuklären. Das ist auch ein Grund dafür, warum es keinen Film über das Planktonsterben gibt, obwohl davon die ganze Nahrungskette im Meer bedroht ist: Plankton ist nicht knuffig, also uninteressant.
2009-10-16 15:47

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