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Orphan – Das Waisenkind

The Orphan. USA 2009. R: Jaume Collet-Serra. B: David Leslie Johnson. K: Jeff Cutter. S: Timothy Alverson. M: John Ottman. P: Appian Way, Dark Castle Entertainment. D: Jimmy Bennett, Isabelle Fuhrman, Lorry Ayers, Vera Farmiga, Peter Sarsgaard, CCH Pounder u.a.
123 Min. Kinowelt ab 22.10.09

Wucherungen in der Keimzelle

Von Stefan Höltgen Horrorfilme zielen stets auf die Inszenierung einer Bedrohung des Privaten ab. Selbst dann, wenn sich der Horror weltweit verbreitet, wird dies dem Zuschauer immer noch in den Konsequenzen für den Einzelnen und sein emotionales Umfeld verdeutlicht. Die Bedrohung wird damit einerseits greifbar und berührt andererseits einen Kern unseres Selbstverständnisses, den wir als besonders empfindlich erachten. Wenn – wie im Kinder-Horrorfilm – die Bedrohung sogar aus der Keimzelle des Privaten, dem Kinderzimmer, erwächst, wirkt dies besonders verstörend und ermöglicht den Plots damit besonders radikale Problemlösungsstrategien vorzustellen.

Zu zeigen, wie ein Kind getötet wird, ist im US-amerikanischen Horrorfilm immer noch ein Tabu – es sei denn, es ist ein böses Kind wie die kleine Esther, ein russisches Waisenmädchen, das in die von Krisen und Traumata geschüttelte Familie von Kate und John Coleman kommt. Beide haben ihr drittes eigenes Kind verloren, noch während Kate damit schwanger war. Zudem ist die Mutter eine labile Alkoholikerin, die versucht, trocken zu bleiben, während ihre Ehe durch eine Affäre Johns ins Wanken gerät. Als die kleine Esther auf ihre neuen Geschwister, die jüngere taubstumme Max und den etwa gleichaltrigen Daniel trifft, beginnt sie ganz langsam ein zerstörerisches Werk: Sie bedroht und manipuliert zunächst die Kinder, dann wiegelt sie den Vater mit Verleumdungen und inszenierten Unfällen gegen seine Frau auf. Sie begeht Körperverletzungen und Schlimmeres an all jenen, die sie an ihrem Werk hindern wollen oder in ihrer Vergangenheit herumschnüffeln. Esther birgt nämlich ein Geheimnis, das mit ihrer Herkunft zu tun hat – und mit ihrer langjährigen Karriere als Pflegetochter.

Daß die kleine Esther eine Russin sein mußte, wäre für den Horror-Plot gar nicht unbedingt notwendig gewesen – dessen Finale präsentiert eine davon unabhängige, viel überraschendere Wendung. Es fügt sich jedoch in den Diskurs des Films, der einerseits auf das Engelsgesicht-Motiv anspielt, wie es aus Mervyn Le Roys Böse Saat von 1956 bekannt ist, andererseits holt es den paranoiden Horror- und Science-Fiction-Film derselben Epoche in unsere Gegenwart: Don Siegels Die Dämonischen (1956) und mehr noch Wolf Rillas Das Dorf der Verdammten (1960) stehen als Beispiele für Subversionshorror, bei dem die kommunistische Bedrohung als Unterwanderung der US-amerikanischen Wertvorstellungen kodiert wird. Auch hier findet ein Angriff auf die Keimzelle der Gesellschaft statt, die Familie, in der diese Werte tradiert werden. Wenn Orphan heute, lange nach dem Ende des Kalten Krieges und eben jener ideologischen Paranoia, noch einmal und so besonders erfolgreich auf dieses Motiv zurückgreift, muß das andere Gründe haben.

Die wären vielleicht darin zu suchen, daß selbst diese alten Angst-Gegenstände ein Gefühl von Sicherheit und Heimat vermitteln, welches in Zeiten der Verunsicherung und vermeintlichen Bedrohung durch einen diffusen »internationalen Terrorismus« abhanden gekommen ist. Beinahe behaglich wirkt es, einen Feind präsentiert zu bekommen, dessen böses Sinnen nach den alten Klischees funktioniert. Vielleicht wäre damit auch jenes seltsame Motiv des »Ost-Block-Horrors«, wie es durch Filme wie Severance (2006), Hostel (2005) oder Them (2006) in den vergangenen Jahren so überaus erfolgreich in die Kinos gekommen ist, zu erklären. Orphan schließt nahtlos an diese junge (und gleichzeitig ganz alte) Tradition an und präsentiert einen dichten, gut erzählten, clever inszenierten und »heimelig«-unheimlichen Film über die Bedrohung der Familie.
2009-10-15 13:00

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