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Dust of Time

Trilogia II: I skoni tou hronou. D/I/GR 2009. R,B: Theo Angelopoulos. K: Andreas Sinanos. S: Yannis Tsitsopoulos. M: Eleni Karaindrou. P: Lichtmeer Film, Classic, Albachiara u.a. D: Bruno Ganz, Willem Dafoe, Michel Piccoli, Irène Jacob, Christiane Paul, Reni Pittaki, Alexandra Maria Lara u.a.
125 Min. NFP ab 29.10.09

Als gestern heute Morgen war

Von Sven Lohmann Theo Angelopoulos macht poetische, stille und neblige Kunstwerke, die ohne weiteres einen oft zu prätentiösen Tarkowski in die Tasche stecken. Bei kaum jemandem sonst sind lange Einstellungen so aufregend, sind Plansequenzen so kunstvoll inszeniert wie bei dem großen Griechen. Seine Figuren sind Suchende: Etwa in Landschaft im Nebel die Kinder, die ihren unbekannten Vater in Deutschland finden wollen; in Der Blick des Odysseus jener Regisseur, der nach verschollenem Filmmaterial sucht.

Dust of Time ist ein Film über Spezialfälle von Suche: Heimatlosigkeit, Diaspora, Verlorenheit. Wie schon in Der Blick des Odysseus steht auch hier ein griechischstämmiger Filmemacher mit dem bezeichnenden Namen »A.« im Mittelpunkt. Sein aktueller Film handelt von der Lebensgeschichte seiner Mutter, die 50 Jahre lang als gebürtige Griechin und Exilkommunistin durch die Länder und Systeme irrt. Ständig verschwimmt das Projekt mit der Vergangenheit, mit dieser Lebensgeschichte selbst, beides wird ununterscheidbar. So spielt Dust of Time gleichzeitig in der Gegenwart und der Vergangenheit, zeigt Gegenwart als einzuholende Vergangenheit, zeigt geschichtliche Veränderungen – und daß, ist man einmal aus der Welt gefallen, letztendlich doch alles gleich fremd bleibt.

Wie üblich ist auch dieser Angelopoulos visuell ein Gedicht: kühl und trist, berauschende, melancholische Bilder, schöne Motive, ausgeklügelte Plansequenzen. Leider tut er sich ansonsten aber im Vergleich mit früheren Werken eher schwer: Die Inszenierung – sonst bei allem Aufwand doch elegant und unaufdringlich – kommt oft allzu gewollt und angestrengt künstlich daher, und gerade in der deutschen Synchronisation klingen die Dialoge gewaltig nach Papier. Die Figuren bleiben dagegen blaß, trotz des intimen Charakters des Films. Das ist freilich eine geradezu natürliche Folge der ungeheuren Handlungsquantität: Zwischen den ständigen Zeit- und Ortswechseln geht die Kontinuität verloren, die Geschichte zersplittert, und die Figuren kommen kaum einmal dazu, sie selbst zu sein. Fast kommt es einem so vor, als bestünde der ganze Film aus lauter Ansätzen zu Geschichten, die jeweils eigene Filme sein könnten.

Die sinnstiftende Einheit ist das Gefühl des Entwurzeltseins. Über Zeit, Raum und Figuren hinweg ist sie der eigentliche Protagonist und die eigentliche Handlung von Dust Of Time. »A.«s Eltern auf ihrer Odyssee durch die unwohnliche Welt, »A.« in seiner Verlorenheit im Niemandsland zwischen Film und Wirklichkeit, schließlich »A.«s Tochter in ihrer jugendlichen Sinnsuche: Das Entwurzeltsein reproduziert sich, überall. 2009-10-26 13:37

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #56.

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