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500 Days of Summer

USA 2009. R: Marc Webb. B: Scott Neustadter, Michael H. Weber. K: Eric Steelberg. S: Alan Edward Bell. M: Mychael Danna, Rob Simonsen. P: Watermark. D: Joseph Gordon-Levitt, Zooey Deschanel, Geoffrey Arend, Matthew Gray Gubler, Chloë Grace Moretz u.a.
95 Min. Fox ab 22.10.09

Wunsch und Wirklichkeit

Von Dietrich Brüggemann Um einem senilen Genre in den Hintern zu treten, braucht es manchmal nur eine gute Idee. Ein Junge liebt ein Mädchen, aber sie kann sich nicht entscheiden – zack, schon fliegt der ganze Blödsinn namens romantische Komödie, den man sich in den letzten Jahren als denkender Mensch sowieso nicht mehr angesehen hat, mit einem Schlag auf den Müllhaufen der Filmgeschichte. 500 Days of Summer ist kein perfekter Film, aber ein Befreiungsschlag.

Es geht um einen jungen Mann namens Tom. Eines Tages tritt eine Frau namens Summer in sein Leben. Er verliebt sich sofort, sie nicht. Dann doch, aber nicht so richtig. Sie glaubt eh nicht an dauerhafte Liebe. Sie küssen sich, doch sie will nur mit ihm befreundet sein. Irgendwie werden sie doch ein Paar, doch dann ist sie wieder verschwunden. Tom spult in seinen Erinnerungen hin und her, um den Moment zu finden, an dem es schiefging, und findet doch nur lauter traurige und schöne Erinnerungen. All das ist unspektakulär, aber mit so einer Aufrichtigkeit erzählt, daß man merkt, wie oft man im Kino sonst mit Klischees verarscht wird. Und wie gut es tut, in einem Film Figuren zu treffen, mit denen man auch selbst befreundet sein könnte. Keine Helden, keine Antihelden, keine Witzfiguren, keine Langweiler mit einer Mission, keine verspulten Indiefilm-Spackos, sondern einfach Individuen, die man kennenlernt und gerne mag.

Neu daran ist unter anderem, daß Liebe als ein Gefühl ernstgenommen wird, das beide Geschlechter betrifft. Sonst geht es immer um hysterische Mädchen, die an der Frage zugrundegehen, ob Mr. Right jetzt endlich anruft, oder um Jungs, die sich beim Anblick der perfekten Frau in hormongesteuerte Vollidioten verwandeln. Die Liebe ist da wie ein goldenes Kalb, um das man herumtanzt, von dem man aber eigentlich keine Ahnung hat. Die ganz alltägliche Begegnung zweier Menschen mit all ihren Ängsten und Wünschen, mit Freundschaft und Liebe und all dem dazwischen, ist bis dato im Kino kein häufiges Phänomen. Zu ehrlich muß der Autor da sein, das wird ihm oft zu peinlich, dann flüchtet er sich lieber in erprobte Klischees, anstatt einfach mal sein Herz zu öffnen. Dabei wäre es so einfach. Scott Neustadter, einer der beiden Autoren, hat eine Geschichte zugrundegelegt, die ihm selbst passiert ist, und schon fliegen ihm die Herzen zu.

Für einen Film, der so grundsätzlich ehrlich an seine Zuschauer herantritt, ist es da schon wieder schade, daß er immer eine Spur zu schön aussieht. Die Protagonisten leben in einer gutaussehenden Taschen-Bildband-Welt und wohnen in umwerfend schönen Wohnungen. Und so ehrlich der Film das Liebesleben seiner Menschen schildert, so schludrig geht er mit dem anderen Aspekt um, der für unsere Generation charakteristisch ist, nämlich dem Pflegen ausgedehnter und inniger Freundeskreise. Der Held hat seine lustigen Sidekicks, die er anzapft, wenn er sie braucht, ansonsten ist er Solist. Egal, der Film macht trotzdem in jedem Moment Spaß, was nicht nur an den emotionalen Qualitäten liegt, sondern auch an einer sehr eigensinnigen, reflektierten Erzählweise. So wie er durch seine eigene Geschichte springt, so springt er auch durch die Filmgeschichte, zitiert hier und klaut da, hüpft in die Meta-Ebene und schenkt uns am Ende eine reizende Splitscreen-Sequenz aus Wunsch und Wirklichkeit, die man sofort nochmal sehen will. Und er kriegt es sogar hin, über den eigenen Tellerrand zu gucken und sich auch für so entlegene Dinge wie Kunst und Musik zu interessieren.

In den letzten Jahren sah man gelegentlich eine Erscheinung, die noch einige Auswirkungen aufs Kino der beginnenden Dekade haben könnte: den Hipsterfilm. Figuren, die in derselben Welt leben wie ihre Zuschauer, nämlich einer Welt, die wesentlich von kulturellen Produkten geprägt ist. Geschichten, so uneindeutig und fragmentarisch wie das Leben selbst, die man sich trotzdem und gerade deswegen gern ansieht. Eine Dramaturgie, die althergebrachte Regeln ignorieren kann, weil die Macher das Kino als Muttersprache gelernt haben und die Grammatik der Emotionen beherrschen, ohne ständig ins Handbuch zu gucken. Filme, die ihr Publikum nicht von oben herab abspeisen, sondern ihm auf Augenhöhe begegnen. Und nicht zuletzt eine unvoreingenommene, neugierige Haltung dem Genre gegenüber. District 9 war ein ähnlich heilsamer Schock fürs Science-Fiction-Kino. Wenn es so weitergeht, dann steht uns ein interessantes Jahrzehnt bevor.
2009-10-16 13:16

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