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Klass

EST 2007. R,B: Ilmar Raag. K: Kristjan-Jaak Nuudi. S: Tambet Tasuja. M: Martin Kallasvee, Paul Oja, Timo Steiner. P: Amrion, Eesti Televisioon. D: Vallo Kirs, Pärt Uusberg, Lauri Pedaja, Paula Solvak, Mikk Mägi, Riina Reis, Joonas Paas u.a.
97 Min. MFA ab 15.10.09

Wer Gewalt sät

Von Mary Keiser Der Ehrliche ist der Dumme, lautet ein altes Sprichwort. Der Anständige ebenso. Das hat nichts mit einem postmodernen Wertewandel zu tun, das war schon immer so. Zu Zeiten der spanischen Inquisition, im Dritten Reich oder der McCarthy-Ära war »Mobbing« sogar institutionalisiert. Sich auf die Seite der Schwachen zu stellen, auf Kosten der eigenen Sicherheit, bezeichnen die einen als mutig, die anderen als dumm.

Klassenrowdy Anders verhält sich im Grunde logisch. Um seine Vormachtstellung zu behaupten, quält er den introvertierten Joosep. Kaspar dagegen handelt impulsiv, als er Joosep beschützt und damit unwillkürlich auf die Seite der Schwachen wechselt. Wie von selbst findet er sich isoliert und muß nun ebenfalls schikaniert werden, es gibt gar keine andere Lösung. Daß die anderen Schüler reuevoll ihre Fehler einsehen, passiert nur im Märchen oder beim Club der toten Dichter. Klass macht deutlich, daß die Welt kein Märchen ist und daß keine gütige Macht von außen helfen wird. Die Erwachsenen erhalten zum Club der Halbwüchsigen ohnehin keine Eintrittskarte, weil sie die Regeln nicht verstehen. Sieben Tage lang werden Kaspar und Joosep mit den perfidesten Methoden gedemütigt. Wie bei einer Hexenjagd verbieten sich die anderen das Mitleid, um auf der Seite der Stärkeren bleiben zu können.

Man kann ihre Wut nachvollziehen, ihre unstillbare Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Deshalb ist Klass ein gelungener Film, auch die Fähigkeiten der jungen Schauspieler werden durch ihre Unerfahrenheit nicht beeinträchtigt. Der Film vermittelt einen guten Eindruck davon, wie sich die Gewalt gegenseitig bedingen kann und zwar ganz ohne den Einfluß von Computerspielen. Zweifel ruft nur das Ende hervor, weil man sich fragt, ob sieben Tage der Demütigung ausreichen, um einen vormals akzeptierten Schüler zum Massenmörder werden zu lassen. Der estländische Regisseur Ilmar Raag stellt in seinem No-Budget-Debut eine mögliche Situation dar, ohne eine Lösung präsentieren zu wollen. Aber er macht es einem fast unmöglich, nicht darüber nachzudenken, welche Rolle man selbst in einem solchen Drama spielen würde. Mehr ist nicht nötig.
2009-10-08 13:32

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #56.

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