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Durst

Bakjwi. ROK 2009. R,B: Park Chan-wook. B: Jeong Seo-Gyeong. K: Jeong Jeong-hun. S: Kim Sang-bum, Kim Jae-bum. M: Cho Young-uk P: Focus Features. D: Song Kang-ho, Shin Ha-kyun, Kim Hae-sook, Kim Ok-bin, Eriq Ebouaney u.a.
133 Min. MFA ab 15.10.09

Frisches Blut fürs Genre

Von Cornelis Hähnel Es ist ein Kreuz mit diesem Bastard. Von der Intelligenzia naserümpfend in die popkulturelle Ecke abgestellt, von der Filmwissenschaft stiefmütterlich abgehandelt und von den Vollzeit-Cineasten hymnisch verehrt. Dabei kann er, wenn er will, mehr als nur erschrecken: der Horrorfilm. Mit seinem Faible für übersinnliche Phänomene, den unkontrollierbaren Einbrüchen des Irrationalen und der allgegenwärtigen Präsenz des Bösen ist er ein Freudenfest für Anhänger der Tiefenpsychologie. Und so verwundert es nicht, daß immer wieder dem Genre eigentlich Fernstehende einen Ausflug zu der dunklen Seite der Menschheit unternehmen, wenn auch unter eigens neu definierten Vorzeichen. Als ein unermüdliches Paradebeispiel muß auch an dieser Stelle wieder Stanley Kubricks The Shining herhalten, eine klare Autorenfilmervision gepaart mit genrespezifischen Eigentümlichkeiten. Oder andersrum. Und während Antichrist den Horror transzendiert und Lars von Trier damit dem Publikum eine lange Nase zeigt, vergnügt sich Park Chan-wook im Reich der blutsaugenden Untoten (und räumte damit sogar den Preis der Jury in Cannes ab). In Durst heftet er sich an die Fersen des südkoreanischen katholischen Priesters Sang-hyun, dessen Nächstenliebe und Barmherzigkeit ihm zum Verhängnis wird. Um Menschenleben zu retten, geht Sang-hyun freiwillig nach Afrika, um dort als Testperson an einem Forschungsprojekt teilzunehmen. Ein Impfstoff gegen einen tödlichen Virus soll gefunden werden, doch das Experiment läuft schief, und er infiziert sich. Während er im OP im Sterben liegt, soll eine Bluttransfusion ihn retten, doch das fremde Blut kommt zu spät. Wie es scheint. Das EKG zeigt nur noch eine Nullinie, die Ärzte stellen seinen Tod fest. Doch plötzlich schlägt er wieder die Augen auf. Er lebt. Wenn auch als Vampir.

Wo sich in anderen Produktionen sofort spitzgefeilte Zähne in sich windende Hälse schlagen würden und Oberarzt, Anästhesist und drei bis sieben Schwestern dran glauben müßten, entspinnt sich bei Park Chan-wook ein (beinahe) stilles, komplexes und blutiges, aber nicht unbedingt blutrünstiges Vampirdrama. Dabei spielt er mit den Erwartungen des Zuschauers, erfüllt und düpiert sie gleichermaßen und nutzt die Elemente des Horrorfilms für eine Reflexion über den Status quo unserer Gesellschaft. Das funktioniert vornehmlich durch die Einbindung des Geschehens in einen realistischen Rahmen. Zwar wird auch ein wenig geflogen und so, aber dies passiert derart unaufgeregt, daß man dem keinerlei besondere Beachtung schenkt. Der inhaltliche Diskurs ist dabei von überbordender Fülle wie eine barocke Grabkammer, ohne jedoch willkürlich zu werden. Am augenscheinlichsten ist der vermeintliche Fall des Protagonisten, vom Abgesandten Gottes zum Handlanger des Teufels. Doch schon hier greift die profane Schwarz-Weiß-Trennung in Gut und Böse nicht mehr, denn Sang-hyun dürstet es nach menschlichem Blut, sein christlicher Glaube verbietet es ihm aber. Von den Menschen als heilender Messias verehrt, spürt er nur die Mordlust in seinem Innersten. Dies ist nicht der einzige Gewissenskonflikt, der in ihm schwelt. Bald lernt er die Frau eines alten Schulfreundes kennen und fühlt sich zunehmend sexuell von ihr angezogen. Und auch als er seine Priesterrobe abstreift und sich ihrer Sinnlichkeit hingibt, muß er sich der Problematik des Betrugs stellen.

Durst ist ein Zerren, ein Taumel zwischen moralischen Allgemeinplätzen und persönlichem Verlangen. Der Vampir wird durch seine, für das eigene Überleben notwendige, Blutgier zur Gretchenfrage der Existenz. Eben dafür ist das Spiel mit der Horrorebene, dem Wühlen in menschlichen Abgründen so prädestiniert, denn es erlaubt, Abstraktes sichtbar zu machen. Park nutzt es letztlich, um über eine wesentliche Grundfrage der Philosophie zu sinnieren: den freien Willen. Und zugleich bleibt das nur ein Teilaspekt, denn die Fragen nach Glauben, Macht und Sehnsucht sind ebenso präsent wie unstet. Geschickt manövriert sich der Film durch diese thematische Fülle, ohne sich darin zu verfangen und vermeidet (zumeist) banale Kausalketten genauso wie simple Psychologisierungen. Und nicht zuletzt überzeugt er durch seine unglaubliche visuelle Kraft, die viel von dem unverhohlenen Flirt mit dem Horrorfilm profitiert, auch wenn die blutigen Szenen eher medizinisch denn slasher-mäßig daherkommen. Aber selbst da schafft er es, den Bildern eine eigentümliche Poesie zugrundezulegen und so den romantisch-verklärten Blick auf den Vampirmythos in eine neue Richtung zu lenken. Manchmal ist eben ein Kontakt mit der Unterwelt doch erhellender als ein Gespräch beim Fleischer.
2009-10-14 11:44

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