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Hangtime – Kein leichtes Spiel

D 2009. R: Wolfgang Groos. B: Christian Zübert, Heinrich Hadding. K: Alexander Fischerkoesen. S: Martin Wolf. M: Robert Matt. P: Little Shark Entertainment. D: Max Kidd, Mišel Matičević, Ralph Kretschmar, Mirjam Weichselbraun, Max Fröhlich, Veit Stübner, Peter Eberst u.a.
94 Min. 3L ab 15.10.09

Hängen in Hagen

Von Tobias Lenartz Die Straßen Hollywoods sind gepflastert mit Variationen der Geschichte vom Underdog, der sich durch außergewöhnliches Talent aus der sozialen und familiären Sackgasse herauszukämpfen versucht. Die Narrationsformel ist eine Spielart des amerikanischen Traums, und entsprechend wenden sich auch die Hoffnungen der Hauptfigur von Wolfgang Groos’ Debütfilm Hangtime ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Vinz ist der Star des Basketballteams »Phoenix Hagen«. Sein älterer Bruder Georg, der sich seit dem Unfalltod der Eltern um ihn kümmert, will ihn um jeden Preis bei einem deutschen Profiverein unterbringen. Vinz soll Georgs gescheiterte Karriereträume verwirklichen und ihn im Schlepptau aus der Enge von Plattenbau und Fabrikjob ziehen. Auch Vinz will raus, weiß aber noch nicht wohin. Heimlich bewirbt er sich bei amerikanischen Universitäten um ein Sportstipendium. Doch Amerika steht hier nicht für den Traum vom großen Durchbruch, sondern für den Wunsch nach Eigenständigkeit. Groos’ Coming-of-Age-Drama mit komischen Zwischentönen bedient sich der Hollywooddramaturgie und bekennt sich zugleich zur deutschen Tradition sozialrealistischer Alltagsgeschichten. Es verortet sich in der Ruhrprovinz, deren Tristesse Alexander Fischerkoesens Kamera in ausgenüchterte Farben, körnige Bilder faßt.

Einfachheit ist Stärke und zugleich Limitation von Hangtime. Der variierte Vater-Sohn-Konflikt steht allein im Zentrum. Auch bleibt Mišel Matičevićs Georg über weite Strecken auf seine konstant unter der Oberfläche brodelnde Wut beschränkt. Spärliche Nebenstränge, wie Vinz’ problematische Liebesgeschichte mit einer aufgeweckten Polizeianwärterin, bleiben weitestgehend unausgeleuchtet.

Hangtime listet die üblichen Ingredienzien: Das Mädchen des Interesses sitzt im Entscheidungsspiel ebenso in der Halle, wie die Vaterfigur Georg unerwartet erwartbar auftaucht und seinen Respekt erweist. Aber Groos verzichtet auf die emotionale Hebebühne. Er spart sich finalen Triumph wie große Katastrophe und bewahrt seine unaufdringliche Grundhaltung. Konsequent wird der zentrale Konflikt nicht im Stadion gelöst, sondern auf dem Asphaltplatz hinter der heruntergekommenen 1960er-Jahre-Schule: Entscheidungsmomente finden nicht vor Publikum statt. Sie brauchen es auch nicht. Gerade darin unterscheidet sich Hangtime wohltuend von den meisten amerikanischen Vorlagen.
2009-10-09 16:45

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #56.
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