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Away We Go

USA/GB 2009. R: Sam Mendes. B: Dave Eggers, Vendela Vida. K: Ellen Kuras. S: Sarah Flack. M: Alexi Murdoch. P: Big Beach Films. D: John Krasinski, Maya Rudolph, Jeff Daniels, Catherine O'Hara, Allison Janney, Jim Gaffigan, Maggie Gyllenhaal u.a.
98 Min. Tobis ab 15.10.09

Home is where your heart is

Von Sebastian Gosmann »You … taste different.« Sam Mendes’ erste komödiantische Arbeit beginnt mit einem Dialog über die möglichen Ursachen einer abrupten geschmacklichen Veränderung des weiblichen Geschlechtsorgans. Und eines steht fest: Selten fiel ein Leinwandschwangerschaftsbefund amüsanter aus als hier.

Nach diesem überaus gelungenen Auftakt weisen große weiße Lettern den Weg: »Away We Go« steht da auf schwarzem Grund. Die Texttafeln, die fortan die Reiseziele des jungen Paares verkünden, verleihen Mendes' Roadmovie nicht nur seine episodische Struktur; sie bewirken auch, daß sich die Aufbruchstimmung, die Burt und Verona beständig antreibt, auch auf den Zuschauer überträgt. Fünf Orte werden die beiden am Ende auf ihre Familienfreundlichkeit überprüft und für untauglich befunden haben. Doch ehe sie begreifen, daß sie einem unerreichbaren Ideal hinterherlaufen, gibt es allerhand Kurioses zu bestaunen. So begegnen wir einem vom Leben hoffnungslos enttäuschten, der Trunksucht verfallenen Zynikerpärchen, dessen weibliche Hälfte sich ununterbrochen über die Unzulänglichkeiten ihrer moppeligen Kinder lustig macht, während Ehemann Lowell – sichtlich ergriffen – über die biblischen Ausmaße der anstehenden globalen Wasserkrise referiert. Eine gänzlich andere Form der Realitätsflucht lernen wir in Madison kennen. Wenn die New-Age-Faschistin LN nicht gerade fremde Kinder stillt oder passiven Rassismus praktiziert, hüpft sie in ihr gigantisches »Family Bed« und genießt – inmitten der eigenen Nachkommen – den Beischlaf mit ihrem Mann; obwohl: Den heftigsten Orgasmus ihres Lebens hatte sie während der Geburt ihres Sohnes. Der Abgang, den das von den superben TV-Comedians Maya Rudolph und John Krasinski verkörperte Normalopärchen im »Continuum Home« dieser beiden Esospinner hinlegt, gehört zu den Höhepunkten dieses an vortrefflicher Situationskomik so reichen Films.

Die Schonungslosigkeit, mit der das Autorenehepaar Vendela Vida und Dave Eggers nahezu sämtliche ihrer Neben- zu Witzfiguren machen, ist fast schon unerhört, birgt aber auch ein kaum zu leugnendes komödiantisches Potential. Damit sich der Zuschauer dem bitterbösen, mitunter verstörenden Humor, der die erste Hälfte des Films prägt, ungehindert hingeben kann, sind es ausschließlich radikal überzeichnete Charaktere, die hier ganz bewußt der Lächerlichkeit preisgegeben werden. In der zweiten Filmhälfte treffen Burt und Verona dann doch noch auf echte Menschen, deren Probleme ernstgenommen werden (können) und deren Schicksalen Mendes in den vergleichsweise wenigen verbleibenden Minuten noch eine erstaunliche emotionale Tiefe zu verleihen weiß.
2009-10-12 11:17

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #56.

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