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Unter Bauern – Retter in der Nacht

D/F 2009. R: Ludi Boeken. B: Otto Jägersberg, Imo Moszkowicz, Heidrun Schleef. K: Daniel Schneor. S: Suzanne Fenn. M: David Greilsammer. P: FilmForm Köln, PANDORA FILM Produktion. D: Veronica Ferres, Armin Rohde, Margarita Broich, Martin Horn, Lia Hoensbroech, Luisa Mix, Heinrich Pachl, Marlon Kittel u.a.
100 Min. 3L ab 8.10.09

Gefühlsgerechte Augenhäppchen

Von Falk Osterloh Die Nazis sind allgegenwärtig. In Aidskampagnen, in der Tagespresse, im Spätprogramm der Öffentlich-Rechtlichen. Sie polarisieren, interessieren, faszinieren. Der Reiz am Grauen ist auch 64 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation virulent. Auch im Kino ist der Nationalsozialismus aktuell, bildet bisweilen ein Diorama für amerikanische, mit Originalschauplätzen gewürzte Actionfilme. Und es stellt sich die Frage: Ist das Dritte Reich überrezipiert? Wird der Massenmord zur Unterhaltung?

Auch Unter Bauern will unterhalten. Und Unter Bauern unterhält. Der dritte Langfilm des Niederländers Ludi Boeken, der sich insbesondere als Produzent von Altmans Vincent und Theo oder dem Sundance-Gewinner Zug des Lebens einen Namen gemacht hat, erzählt die Geschichte einer jüdischen Familie, die in den letzten beiden Kriegsjahren von Münsterländer Bauern vor den Nazis versteckt wurde. Es ist eine gute Geschichte, geadelt durch ihr Realitätsfundament, und sie ist gut erzählt. Sowohl die Dialoge als auch der Schnitt haben ein akkurates Timing. Die Figuren besitzen in der Mehrzahl Format, und der Soundtrack macht die weitgehend gesichtslose Bedrohung faßbar. Zudem wird das bäuerliche Leben authentisch dargestellt, in blassen Bildern, mit einem glaubhaften Szenenbild. Die Identifikation mit den Figuren funktioniert reibungslos, befeuert durch das allseits verabscheute, monströse Feindbild. Reibungslos funktioniert der gesamte Film. Die Emotionalisierung ist wohl kalkuliert, Haß und Angst, Hoffnung und Freude sind in gefühlsgerechte Augenhäppchen verpackt.

Bei Unter Bauern handelt es sich um kein intellektuelles Autorenkino, um keinen die historische Wucht in den Mittelpunkt rückenden Geschichtsfilm. Es handelt sich um gut ausgestattetes, gut inszeniertes und weitgehend gut gespieltes Gefühlskino, bei dem die Pointen sitzen, die Ecken und Kanten jedoch herausgebrochen wurden. So verläßt man am Ende des Abends mit gemischten Gefühlen den Kinosaal. Denn die Frage bleibt: Soll und darf der Massenmord Unterhaltung sein, kalkuliert zu Kunst verwurstet? Es ist Kino. Selbstverständlich darf es das. Doch ob es gefällt, liegt im Auge des Betrachters. 2009-10-07 11:02

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #56.

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