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Midsummer Madness

Janu Nakts. A/GB/LV 2007. R,B: Alexander Hahn. B: Alexander Mahler. K: Jerzy Palacz. S: Justin Krish. M: Klaus Hundsbichler, Markus Pöchinger, Boris Resnik. P: Fischer Film. D: Maria de Medeiros, Gundars Abolins, Dzintars Belogrudovs, Detlev Buck, Roland Düringer, Peter Faerber, Chulpan Khamatova, Birgit Minichmayr u.a.
94 Min. Barnsteiner ab 8.10.09

Focus Interruptus

Von Patrick Hilpisch Es ist die kürzeste Nacht des Jahres – und ganz Lettland feiert. Lodernde Feuer, Kränze aus Blättern und Blumen und ein geheimnisvoller, blühender Farn bestimmen die wenigen sonnenlosen Stunden. Die Mittsommernacht verbringt man im Kreise der Familie, mit Freunden und Bekannten, versinkt in alten mythischen Bräuchen und macht mit ein wenig Glück die ultimative sexuelle Erfahrung.

Dieses feucht-fröhliche, folkloristisch durchtränkte Setting dient dem gebürtigen Letten Alexander Hahn als Handlungshintergrund für fünf Geschichten. Geschichten über Menschen, die es aus aller Herren Länder in den baltischen Staat an der Ostsee verschlagen hat. Ein Amerikaner sucht nach seiner Halbschwester, eine französische Witwe will die Asche ihres Mannes beisetzen, ein Deutscher und ein Österreicher planen Geschäfte mit einem Russen, zwei britische Feuerwehrmänner besuchen die Rigaer¬ Kollegen, und ein Chinese, der sich als Japaner ausgibt, lernt die Eltern seiner Freundin kennen. Der Griff zur Schublade mit dem Label »Culture-Clash-Komödie« liegt hier verführerisch nahe. Und genau da wird es problematisch. Denn Regisseur Hahn will mehr. Er versteht Midsummer Madness als romantische Komödie, die auf verschiedenen Ebenen »das Finden der Liebe« (Zitat: Presseheft) thematisiert – und gleichzeitig Europa feiert. Diesen »Anforderungen« sind die einzelnen Episoden jedoch nur bedingt gewachsen. Den fünf Erzählsträngen fehlt schlicht und einfach die Substanz für einen solchen filmischen Rundumschlag. Immer wieder rücken die schrägen Charaktere ihre nationalen Idiosynkrasien und die daraus resultierende Situationskomik in den Vordergrund. Und die durchaus existenten leiseren Töne drohen zu ersticken. Plot und Figuren wirken dabei allzu skizzenhaft und in manchen Fällen äußerst klischeebeladen.

Man wohnt den verschachtelten Episoden mit wachsender Indifferenz bei, schmunzelt über den ein oder anderen gelungenen Gag, erfreut sich an ein paar netten und teils surreal anmutenden Einstellungen, aber wirklich mitgerissen oder auf irgendeine Weise emotional involviert wird man nicht. Allein die Story um die verwitwete Livia, ihren Mitarbeiter Toni und den Bestattungsunternehmer Peteris hat genügend Charme und inszenatorisches Potential, um im Gedächtnis zu bleiben. Das liegt vor allem an der Besetzung. Maria de Medeiros, Dominique Pinon und Tobias Moretti sind die Glanzlichter des Films. Daß sie in dieser kurzen Nacht dennoch nicht ganz so hell strahlen wie sonst, liegt an der erzählerischen Beliebigkeit, mit der sich Hahn seinen Episoden nähert. Denn vor lauter Europa-Euphorie und zwanghafter Suche nach einer irgendwie gearteten Ausprägung der Liebe verliert der eigentlich versierte Kurzfilm-Regisseur den Fokus auf das Herz seiner Geschichten. 2009-10-06 14:52

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #56.
© 2012, Schnitt Online

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