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Mein halbes Leben

A/D 2008. R,B,K,S: Marko Doringer. M: Kristof Hahn. P: Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion.
93 Min. Movienet ab 8.10.09

Generation Egoismus

Von Bettina Schuler Auch wenn dreißig statistisch gesehen noch nicht die Hälfte des männlichen Lebens ist, so ist man zumindest aus einem Stadium endgültig herausgewachsenen: der Jugend. Mit dreißig, so will es das gesellschaftliche Klischee, muß man nicht nur einen Baum gepflanzt und eine Familie gegründet haben, sondern auch beruflich auf festen Beinen stehen. Alles Dinge, von denen Marko Doringer, Single, kinderlos und Gelegenheitsregisseur, weit entfernt ist. Deshalb nimmt er seinen Dreißigsten zum Anlaß, um sich auf eine Reise in seine Heimat Österreich zu begeben und zu schauen, wie es eigentlich seinen gleichaltrigen Freunden ergeht, inwieweit sie diese gesellschaftlichen Standards erreicht und ihre bisherigen Träume verwirklicht haben. Ausgestattet mit einer Handkamera und jeder Menge Frust, der mehr Attitüde denn wahre Enttäuschung ist, begleitet er seine alten Freunde in ihrem Alltag und entdeckt dabei mehr Gemeinsamkeiten als gedacht. Denn auch wenn alle ein völlig unterschiedliches Leben führen, eint sie doch eins: der Wunsch nach Selbstverwirklichung und das Gefühl, alles im Leben erreichen zu können. Ein Luxus, den sich weder deren Eltern, die noch vom Krieg geprägt sind und allein nach wirtschaftlicher Sicherheit streben, noch die Generation unter ihnen, die mit dem Wissen um die prekäre Situation am Arbeitsmarkt groß geworden ist, erlaubt. Vielmehr gilt es bei heutigen Mittzwanzigern selbst innerhalb des Privatlebens Pluspunkte für ihren Lebenslauf zu sammeln.

Anhand der sehr direkten Gespräche, die der Regisseur mit sich selbst und seinen Freunden führt, gelingt es ihm, die Gründe für diese Sehnsucht nach Selbstverwirklichung herauszuarbeiten: das strikte und geregelte Leben der Eltern, das von Verpflichtungen bestimmt war und aus dessen starren Korsett man entkommen wollte, der unbedingte Wunsch nach Freiheit und die wirtschaftliche Sorglosigkeit, in die man hineingeboren wurde und die erst im letzten Jahrzehnt zerstört wurde. Doringer arbeitet den Zwiespalt dieser Freiheit, der einem zum einen unendlich viele Chancen bietet, zum anderen aber auch dazu verführt, sich in den Entscheidungsmöglichkeiten zu verlieren, sehr genau heraus. Insbesondere, weil er sich innerhalb des Films als Prototyp des klassischen Losers stilisiert und damit die entsprechenden Reaktionen und Sprüche seitens seiner Umwelt, insbesondere von seinen Eltern und deren Freunden, provoziert und von deren gut gemeinten Ratschlägen und Tips sich auch der Zuschauer dank der subjektiven Kameraperspektive angesprochen fühlt. Ein gelungenes Generationenporträt, mit welchem der Regisseur zumindest eines der obligatorischen Dreißigerziele erreicht hat: beruflich erfolgreich zu sein. 2009-10-01 12:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #56.
© 2012, Schnitt Online

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