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Lippels Traum

D 2008. R: Lars Büchel. B: Paul Maar, Ulrich Limmer. K: Jana Marsik. S: Sandy Saffeels. M: Konstantin Wecker. P: collina Filmproduktion. D: Karl Alexander Seidel, Anke Engelke, Moritz Bleibtreu, Amrita Cheema, Steve-Marvin Dwumah, Christiane Paul, Marius Weingarten, Uwe Ochsenknecht u.a.
101 Min. Universum ab 8.10.09

Quatsch mit Tomatensoße

Von Natália Wiedmann Vor zwei Jahren war der Traum eines dänischen Jungen im Kino zu bestaunen: Frits wehrte sich gegen den gewalttätigen Schulrektor, beschäftigte sich mit der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, mit dem Traum Martin Luther Kings. Der deutsche Lippel hat anderes im Kopf. Tomatensoße zum Beispiel. Diese furchtbare Erfindung der Menschheit bekommt er nämlich während der Reise des Vaters von einer unliebsamen Nanny vorgesetzt. Des Nachts phantasiert er die Haushälterin zur boshaften Tante, die gegen einen ihr lästigen Thronfolger intrigiert, was wohl beinahe ein bißchen spannend sein könnte, wäre es nur nicht so furchtbar fiktiv. Ein konsequenzloser Traum, Fiktion in der Fiktion, das ist dem Aufbau von Dramatik nun nicht gerade förderlich, zumal das eigentliche Potential der Grundidee brachliegt: Weder wird die Möglichkeit ausgereizt, Wirklichkeit und Traum einander zunehmend beeinflussen zu lassen, noch nimmt letzterer die ihm eigenen, phantastischen Gestalten an, bleibt weitgehend frei von Verdichtungen, Verschiebungen, Metamorphosen, Absurditäten und Übertreibungen. Geradlinig und vorhersehbar verläuft die Binnengeschichte, unglaubwürdig der Wandel in der Realität samt albernem Befreiungsschlag – wenn man berührt ist, dann peinlich.

Sicher, die Bilder sind zuweilen schön anzuschauen. Man sieht das Geld, allein: Es fehlen die Ideen. Deren Mangel machen auch der ferne Drehort, exotische Kostüme und prächtiges Setdesign nicht wieder wett – dann vor allem nicht, wenn fernsehfreundliche Nahaufnahmen ostinat das Blickfeld einengen, manche Szenen gar so schlecht aufgelöst sind, daß kein Gefühl für den Raum entsteht und der Erwartungsaufbau – mal für die Komik, mal die Spannung notwendig – völlig mißlingt.

Bieder und betulich bleibt, was bewegen und verwundern will, und so mag dieses familien- und fernsehtaugliche Werk wohl vor allem langweiligen Deutschlehrern zur Freude gereichen, die überschätzte Vorlage ergänzend. Kein Traum von Film, aber ironischerweise ein durchaus hellsichtiges Bild der deutschen Kinderfilme dieses Jahres, einem Jahr der Medienvorlagen. 2009-10-05 17:23

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #56.

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