— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Die Welt ist groß und Rettung lauert überall

Svetat e golyam i spasenie debne otvsyakade. D/BG/SLO 2008. R,B: Stephan Komandarev. B: Juri Darchev, Dusan Milic. K: Emil Hristov. S: Nina Altaparmarkova. M: Stefan Valdobrev. P: Pallas Film, RFF International. D: Miki Manojlovic, Carlo Ljubek, Hristo Mutafchiev, Ana Papadopulu, Lyudmila Cheshmedzhieva, Nikolai Urumow, Blagovest Mutafchiev, Vasil Vasilev-Zueka u.a.
105 Min. Arsenal ab 1.10.09

Auf der Suche nach dem verlorenen Gedächtnis

Von Franziska Schuster Woran macht sich die Identität eines Menschen fest, wenn er sich an nichts mehr erinnern kann? Ungezählte Film- und Romanhandlungen sind von dieser Frage ausgehend geschrieben worden. Das Faszinosum scheint ungebrochen, ungeachtet dessen, wie sehr der reale Verlauf einer Amnesie mehr oder weniger fantasievoll den Erfordernissen der Dramaturgie angepaßt wurde. Nicht alle Filme, deren Hauptfigur einen Gedächtnisverlust erleidet, haben indes zum Thema so Bewegendes beizutragen wie Sarah Polleys An ihrer Seite oder so bahnbrechend Neues wie Christopher Nolans Memento. Dabei ist die Problematik durchaus brisant, denn Mediziner beklagen das nach wie vor mangelnde Verständnis für Betroffene, das in keinem Verhältnis zu deren medialer Ausschlachtung steht. Auch Stephan Komandarev gelingt mit seinem Beitrag kein großer Wurf, weder in Sachen Gesundheitsaufklärung noch im Hinblick auf innovative Erzählformen. Es stellt sich im Gegenteil die Frage, mit welcher Motivation das Krankheitsbild der retrograden Amnesie hier für ein Drehbuch herhalten muß, das, statt dessen verstörende und konfliktträchtige Aspekte aufzugreifen, in einschläfernd konservativer Manier auf die An- oder Abwesenheit von Erinnerung als filmisches Gestaltungsmittel zurückgreift.

Grundlage des Films ist ein Roman von Ilija Trojanov, dessen märchenhaft-ironische Sprache Komandarev ebenso wie diverse Erzählstränge im Schwarzen Loch der Erinnerungslücke verschwinden läßt. Die klafft im Gedächtnis eines jungen Mannes, dem bei einem Autounfall die Verbindung zu seiner Vergangenheit (mit Migrationshintergrund) abhanden gekommen ist. Da taucht der mit einer toupierten Cockerspanielfrisur angetane Miki Manojlovic als bulgarischer Opa Bai Dan auf, der den Verlust des geliebten Enkels nicht hinnehmen will. Siegesgewiß prügelt er den unwilligen Jungen aus seinem deutschen Krankenhausbett und nimmt ihn mit auf eine Fahrradtour quer über den Balkan, die heilsame Wirkung entfalten soll. Und erwartungsgemäß genügen ein paar Flaschen Alkohol, Musik, in goldenes Licht getauchte Kindheitserinnerungen, eine schöne Frau und diverse Partien Backgammon, um Alexander vollkommen genesen in den Schoß der Familie zurückzuholen.

Die Geschichte könnte einigen Spaß machen, doch feiert Komandarev allzu plakativ die Problemlösung nach Balkanart – humorvoll, eigensinnig und nicht ganz legal – repräsentiert durch den mit viel Bauernschläue agierenden Bai Dan. An den als Sympathieträger stets verklärt grinsenden Manojlovic muß man sich nach Filmen wie Klopka – Die Falle oder Like a Bad Dream erst einmal gewöhnen, doch obgleich er auch in dieser Rolle zu überzeugen vermag, läßt das Buch weder ihm noch den übrigen Darstellern genug Luft, um ihr Potential wirklich ausspielen zu können. Jeder Handlungsschritt wird lieblos und routiniert abgehandelt; eine besondere Schwäche sind dabei die Nebenrollen, die konturlos und unglaubwürdig bleiben. Einen brillanten Moment gibt es jedoch: Als der erwachsene Alexander mit dem Fahrrad den Ortseingang seines Heimatstädtchens passiert, verharrt die Kamera für einen Moment auf einem Wahlplakat. Darauf wirbt das Konterfei desselben Geheimdienstmitarbeiters für ein »Neues Bulgarien«, dessen Drohungen Alexanders Eltern einst zur Emigration veranlaßt hatten.
Wohlwollend betrachtet ist Die Welt ist groß und Rettung lauert überall eine recht belanglose, konventionelle Tragikomödie, der die Einordnung in einen zeitgeschichtlichen Zusammenhang eine gewisse Bedeutungsschwere verleiht. Ein weniger gnädiges Urteil lautet: Der Film ist schlicht langweilig. 2009-09-30 12:18

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap