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Das Geheimnis des Regenbogensteins

Shorts. USA/UAE 2008. R,B,K,S,M: Robert Rodriguez. S: Ethan Maniquis. M: George Oldziey. P: Imagenation Abu Dhabi, Lin Pictures, Media Rights Capital u.a. D: Jimmy Bennett, Jake Short, Kat Dennings, Trevor Gagnon, Devon Gearhart, Jolie Vanier, Rebel Rodriguez, Leo Howard u.a.
89 Min. Warner ab 1.10.09

Leave no idea behind!

Von Natália Wiedmann Zwei Prinzipien der Rodriguez-Kinderfilme (Spy Kids 1-3, Die Abenteuer von Sharkboy und Lavagirl und Das Geheimnis des Regenbogensteins), das erste: Die Geste zählt – in diesem Fall die Idee. Zum Beispiel jene, in Spy Kids 2 mal eben einen gigantischen Spinnenaffen gegen eine Schlangenechse kämpfen zu lassen, was visuell bestenfalls mit Computerspielgrafiken konkurrieren kann – Rodriguez’ 3D-Filme können nicht einmal das. »Leave no idea behind!«, scheint das Credo zu sein, ohne Rücksicht auf die Umsetzbarkeit, mehr ist niemals weniger, egal, wie es hinterher aussieht. Zugegeben: Selbst wenn man das Ergebnis wie im Sharkboy-Abenteuer als visuelle Belästigung bezeichnen muß, bleibt doch eine gewissen Faszination angesichts des Bombardements mit Gehirnen und anderen Einfällen nicht aus, und die Phantasie der Kinder regt diese Unbekümmertheit zweifellos an, müssen sie sich doch vorstellen, wie das nun wirklich aussähe, wenn man in einem Computerspiel gefangen wäre oder ein gigantischer Spinnenaffe etc. pp. – in McLuhanscher Terminologie hieße das wohl Abkühlung eines heißen Mediums.

Mit Das Geheimnis des Regenbogensteins – kurz: Shorts (so der Originaltitel) – wird die Greenbox glücklicherweise wieder verlassen, und die CGI-Effekte nehmen sich ganz passabel aus. Zu seiner wirklichen Hochform läuft der Film aber dann auf, wenn auf die vielen Gadgets verzichtet wird und die jungen Darsteller aufdrehen dürfen. Während selbst bei ungewöhnlich durchgeknallten Kinderfilmen wie Skymaster, a Flying Family Fairytale oder Ricky Rapper die Kinder neben dem überdrehten Spiel der Großen blaß und brav erscheinen, beweisen sie sich in Shorts als Komiker oder zumindest hervorragend gecastete Grimassenzieher. Herrlich blöde starren sich die Blinzler des Prologs an, unvergeßlich die Szene, in welcher Helvetica (hochgelobt: Jolie Vanier) dem entsetzten Toby akrobatische Essenskünste demonstriert – zu schade, daß die Synchronisation dem Schauspiel der Kids nicht gerecht wird.

Daß diese Masse an Ideen und unzusammenhängender Szenen in nur einem Film untergebracht werden kann, verdankt sich wiederum dem zweiten Prinzip, dem Erzählen in Und-Danns. Und-Danns, diese wohl beliebteste Satzverknüpfung jüngerer Kinder, diese einfachen zeitlichen Reihungen von Ereignissen, alles steht gleichwertig nebeneinander. Kaum Konjunktionen in ihren Geschichten, kaum Subjunktionen, auf grammatischer Ebene also das Fehlen kausaler Zusammenhänge, eine Absage an die Teleologie, alles ist kontingent, nicht einmal die zeitliche Reihung ist konstant, ein postmodernes Erzählen geradezu.

Damit wäre Shorts nicht nur postmodernes Erzählen für Kids, es wäre das postmoderne Erzählen der Kids. Dazu gehört nicht nur die Gliederung in Episoden, deren Chronologie aufgebrochen wird (der Vergleich mit Pulp Fiction liegt so nahe, daß er kaum der Erwähnung bedarf), dazu gehört ebenso das ausführliche Zeigen banaler Handlungen wie das Reinigen der Zahnspange (der Vergleich mit etc. pp.) – damit wären wir dann wieder beim Credo des ersten Prinzips. Das Morälchen gegen Ende des Films – welches, nur so nebenbei, trotz aller Unterhaltsamkeit durchaus zehn Minuten früher hätte kommen können – ist nichts, worauf das Gezeigte unweigerlich zusteuerte, es ist ein dramaturgisches Negligé, nachlässig übergeworfen, nicht mehr als einen Hauch innerer Geschlossenheit vermittelnd, des Anstands halber. Gerade der Verzicht auf Kohärenz ist so erfrischend und ökonomisch noch dazu: Ein Stein, der Wünsche erfüllt, mehr braucht es nicht, um eine aberwitzige Situation nach der anderen auszulösen, anything goes.

Shorts ist kein Film, der sich bei den Eltern anbiedert, Shorts ist so präpubertär wie sein Zielpublikum. Shorts ist das bizzelnde und blubbernde Getränk, so künstlich, daß Erwachsenen beim bloßen Anblick die Zähne schmerzen, rein aus Farb- und Aromastoffen bestehend, ein flüssiges Neonblau, das beim Erhitzen oder Abkühlen in Grün umschlägt; Shorts ist der magische Plastikring aus dem Kaugummiautomaten mit dem großen Kunststoffglitzerstein, Shorts ist der knatschbunte Cartoon mit millionenfachen Übertreibungen. Nichts, was eines zweiten Kinobesuchs bedarf, trotzdem lohnt es den ersten. Hemmungslos blödsinnig und in seinen besten Momenten grandios komisch. 2009-09-29 15:52

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