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Menachem & Fred

IL/D 2008. R,B,S: Ronit Kertsner. R,B: Ofra Tevet. K: Klaus Sturm. M: Zbigniew Preisner. P: Egoli Tossell Film Köln.
85 Min. Filmlichter ab 1.10.09

Schuld und Verantwortung

Von Tamar Noort Menachem und Fred, so hießen die beiden nicht immer. Der eine würfelte die Buchstaben seines deutschen Namens bei seiner Ankunft in den USA neu zusammen, der andere, er lebt in Israel, bringt in seinem Namen bewußt trotzig seine jüdische Herkunft zum Ausdruck. Menachem und Fred sind Brüder, aber ihre Wege haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg getrennt.

Die Familie stammt aus Hoffenheim, Fred ist elf, Menachem acht Jahre alt, als die SS sie brutal aus ihrem Haus schleift und nach Frankreich deportiert. Im Konzentrationslager fällen ihre Eltern eine augenscheinlich harte, doch für die beiden lebensrettende Entscheidung: Sie werden von Vater und Mutter getrennt und in ein nahegelegenes Waisenhaus untergebracht, wo sie geschützt vor dem Zugriff der Nazis den Krieg überleben – im Gegensatz zu den Eltern, die letztlich in Auschwitz umkommen.

Menachem und Fred schickt die beiden Brüder, die sich vor einigen Jahren nach langer Kontaktsperre wiedertrafen, auf eine Spurensuche in ihre ehemalige Heimat. Gemeinsam besuchen sie die Orte ihrer Kindheit und die Stationen, die sie während des Krieges zusammen durchlebten. Zum ersten Mal kehren sie zurück an die Stätte ihrer eigenen Geschichte. Sie treffen einen ehemaligen Nachbarsjungen, der ihnen präzise Erinnerungen an gemeinsame Straßenspiele auf der Straße liefern kann; sie besuchen das Waisenhaus, auch das ehemalige KZ, das heute ein friedlicher Wald ist. Die Kamera von Klaus Sturm fängt zwei alte Männer ein, die zwar gemeinsam unterwegs sind, die aber nach all den Jahren kaum mehr verbindet als jene gemeinsam erlebte traumatische Geschichte.

Wie unterschiedlich die beiden ihre Vergangenheit verarbeitet haben, zeigt sich am deutlichsten an ihren Familien: Fred lebt heute in Florida, er hat einen klassischen All American Way of Life eingeschlagen. Seine Kinder wissen kaum etwas über seine deutsche Herkunft – und besonders jüdisch leben sie auch nicht. Deutsch spricht er nicht mehr, die Brüder kommunizieren auf Englisch. Menachems Leben hingegen ist streng religiös geprägt – und seine Tochter hat geradezu ein Bedürfnis, die Geschichte des Vaters aufzusaugen.

Die Reise der Brüder zeigt auch, wie unterschiedlich sie mit Schuld und Verantwortung umgehen. Menachem sieht, viel stärker als Fred, eine Gesamtverantwortung der Deutschen für das den Juden zugefügte Leid. Den Herrschaften, die jetzt das Haus bewohnen, das einst seinen Eltern gehörte, fragt er auf den Kopf zu, ob es ihnen nichts ausmache, in einem solchen Haus zu leben. Das ist doch längst vorbei, bekommt er zu hören, und es bringt ihn sehr auf. Fred hingegen kämpft mit seiner persönlichen Schuld. Beim Abschied hatte er, der Ältere, der Mutter versprochen, auf den kleinen Bruder aufzupassen. Nach dem Krieg ist er aber nach Amerika gegangen – allein. Weil sein Bruder nicht mitkommen wollte.

Augenzeugenberichte aus der Nazizeit werden langsam rar – Menachem und Fred hat allein deswegen schon seine Berechtigung. Trotz seiner emotional höchst anrührenden Thematik und der grandiosen Musik bleibt der Film aber immer ein wenig auf Abstand. Das mag am Konzept des Films liegen: Die Begegnung der Brüder mit ihrer Vergangenheit sind initiiert von der Filmemacherin, sie illustriert damit die Geschichte der beiden. Ihre beiden Protagonisten haben dem Projekt zugestimmt, weil sie sich einen therapeutischen Effekt davon versprachen. Folglich beobachtet der Film die beiden nicht bei ihrer Reise, sondern ist Anlaß für das, was wir sehen – darunter leidet die emotionale Bindung des Zuschauers zu Menachem und Fred.

Es läßt sich darüber streiten, ob der Seitenstrang der Geschichte nötig gewesen wäre, der die Rolle der Familie Hopp beleuchtet. Die Kinder des ehemaligen SS-Führers fanden heraus, daß ihr Vater die Familie von Menachem und Fred abtransportiert hatte – und bemühten sich seitdem um Wiedergutmachung. Eines dieser Kinder ist der Hoffenheimer Dietmar Hopp, der zu den erfolgreichsten Unternehmern Deutschlands zählt. So löblich das Engagement der Familie Hopp ist, in der sehr persönlichen Geschichte von Menachem und Fred wirkt dieser Seitenstrang wie ein Fremdkörper. Am ergreifendsten ist der Film dann auch vor allem, wenn er die beiden einfach ihre Geschichte erzählen läßt. 2009-09-29 11:07

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