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Verblendung

Män som hatar kvinnor. S 2009. R: Niels Arden Oplev. B: Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg. K: Eric Kress. S: Anne Østerud. M: Jacob Groth. P: Nordisk Film, Danish Filminstitute, Danmarks Radio u.a. D: Noomi Rapace, Michael Nyqvist, Sven-Bertil Taube, Peter Andersson, Peter Haber, Marika Lagercrantz, Lena Endre, Ingvar Hirdwall u.a.
152 Min. NFP ab 1.10.09

Verbrechen und andere Kleinigkeiten

Von Martin Thomson Manchmal erscheint es verwunderlich, daß Film- und Fernsehzuschauer ein so ungeheuer ausgeprägtes Interesse daran haben, sich mit menschlichen Abgründen über den Umweg des Rätselratens um die Aufdeckung eines Mordfalls zu konfrontieren. Ob Forensik-Fetischisten, die, wie in CSI, anhand einer Hautschuppe einen hilflos um Spurenverwischung bemühten Psychopathen dingfest machen oder schrullige Schnüfflerpärchen, die, wie in Tatort, einen zufällig zum blutrünstigen Mörder mutierten Versicherungsangestellten enttarnen, indem sie dem Kellner in seiner Stammkneipe einen Zwanziger zuschieben: Wären derlei Filmfiguren Charaktere aus dem Reality-TV, würden ihnen die Zuschauerzahlen, die solche Formate regelmäßig einfahren, wahrscheinlich die Streßfalten aus dem Gesicht bügeln. Wo, wenn nicht in der fiktiven Welt, wird Mord und Totschlag noch auf derart gewissenhaft-säuberliche Weise von moralisch-lupenreinen Hütern des Gesetzes aufgedeckt? Wo, wenn nicht in der fiktiven Welt, kann die Offenlegung, daß der Mensch schlecht ist, noch von einer Hautschuppe aufgewogen werden?

Die fiktive Welt ist aber nicht in jedem Fall eine schattenlose Spielfläche für Hobbykriminologen, die erst ihre Kartoffelchips knuspern, wenn nach den einleitenden fünfzehn Minuten das rote Blut den grauen Ermittlungsakten weicht. Hier und da gibt es den einen oder anderen Genre-Schlupfwinkel für grenzwertig-gewalttätige Wahrheitsfinder, die nur wenig gemein haben mit jenen treudoofen Wachhunden, die einen in den wohligen Weltschlaf lullen, wenn sie die Bösen mit ein paar hinterlistigen Fragen aus der Reserve gelockt haben und das Geräusch der knackenden Handschellen mit dem Abspann zusammenfällt. Geburtshelfer dieser anderen Sichtweise ist der Film noir, in dem das Abgründige nicht irgendwo in der Peripherie, sondern immer schon in die Form der Darstellung und in die Disposition der Hauptcharaktere als mit eingeschrieben anzutreffen ist.

Verblendung läßt sich in dieser Hinsicht als Hybrid ansehen. Zumindest wurden hier ein paar Stolperfallen ausgehoben, um den Zuschauer nicht sogleich dem seichten Gewässer seiner wohligen Gewißheit zu überantworten, daß sich Verbrechen mit ein paar freundlichen Runden am »Cludeo«-Spielbrett aufklären lassen. Verbrechen gehen aus tieferliegenden Wurzeln hervor, sie entstammen komplexen Verästelungen und ziehen erschütternde Konsequenzen für deren Hinterbliebene nach sich. Alles Dinge, wie sie vom standardisierten Kriminalfilm nur allzugerne zugunsten eines vertrackten Plots übergangen werden, obwohl der Film noir und der Neo noir hinlänglich bewiesen haben, daß mit einem psychologischen Feinschliff der Figuren noch lange nicht die Spannung abgeschabt ist, die aus einer mehrbödigen Dramaturgie hervorgeht.

Daß Verblendung diesem Schicksal entgeht, ist vor allem seiner weit ausholenden Einleitung zu verdanken, in der sich wohltuend viel Zeit für die ermittelnden Protagonisten genommen wird. Die Computer-Hackerin Lisbeth, gespielt von Noomi Rapace, als Borderlinerin in Punk-Klamotten schafft Platz für traumabehaftete Rückblenden, die in Kombination mit ihren Verstrickungen und Hemmungen in der filmischen Gegenwart einen durchaus runden, weil ambivalenten Filmcharakter ergeben. Der Strahlemann Mikael, gespielt von Michael Nyqvist, wirkt dagegen etwas blaß, obgleich sich die aufkeimende Liebschaft zwischen ihm und der jungen Misanthropin befremdlich genug anschauen läßt, um sein Gutmensch-Gehabe als verkapptes Helfersyndrom auslegen zu können. Überdies gelingt es Regisseur Niels Arden Oplev doch tatsächlich, aus so etwas Banalem wie der graphischen Benutzerfläche eines Mac-Computers dynamische Bilder zu generieren, in denen es inhaltlich um Wahrheitsfindung geht, wiederum anhand von Bildern. Daß der Film dabei auf so unbekümmerte Weise Werbung für die Möglichkeiten moderner Überwachung am PC macht, weil gerade sie den Figuren in vielen Situationen aus der Patsche hilft, sie zusammenführt, moralische Verwerfungen, die an ihnen verbrochen werden, ungeschehen macht und ihnen bei der Aufklärung ihres Falls erheblich unter die Arme greift, ist als durchaus fragwürdig anzusehen: Andererseits ist es genau diese Fragwürdigkeit, welche die Film-noir-Detektive zur Auflösung ihrer Fälle seit jeher vom zigarreschmauchenden Columbo unterschied und auch ihre Regisseure immer wie kleine Straftäter erscheinen ließ, die an ihrem Publikum ein Verbrechen begehen. 2009-09-28 15:23

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