Die letzten Erben der Spaßgesellschaft
Von Nils Bothmann
Das Genre des Endzeitfilms bringt sowohl brachiale, actionlastige Spaßvehikel vom Kaliber eines
Mad Max II – Der Vollstrecker und eines
Doomsday hervor als auch nachdenkliche Zukunftsvisionen Marke
Quiet Earth oder eben
Carriers. Das englische Wort »Carrier« läßt sich in diesem Falle mit »Überträger« am besten übersetzen, da das Regiedebüt der Pastor-Brüder von einer Zukunft handelt, in der eine Virusepidemie den größten Teil der Menschheit dahingerafft hat. Ein Brüderpaar versucht zusammen mit ihren jeweiligen Freundinnen, sich an dem Strand einzuigeln, an dem sie in ihrer Jugend Ferien machten. Bei der Fahrt durch ein fast gänzlich entvölkertes Amerika gelten besondere Sicherheitsmaßnahmen, da die Gefahr der Ansteckung überall lauert.
Es ist ein erfreulich durchdachtes, realistisches Szenario, in welches die beiden Spanier die Reise der vier jungen Leute verpacken, komplett ohne die Mutanten und Zombies, die das Kino jüngst in Filmen wie
I Am Legend,
28 Days Later oder dessen Sequel
28 Weeks Later heimsuchten. Stattdessen ist das größte Risiko in diesem Falle der Mensch, vielleicht sogar der Mensch auf der Rückbank des eigenen Autos. Denn der Mensch macht Fehler, doch in den Zeiten der Virusinfektion ist menschliches Versagen eben tödlich. Auch Menschlichkeit im Sinne von Hilfe und Fürsorge ist in
Carriers häufig von fataler Konsequenz, denn genau in jenen Momenten, in denen die Protagonisten selbstlos handeln, holen sie oft den Tod ins eigene Vehikel oder gar in den eigenen Körper. In pessimistischer Konsequenz ist es dann am sichersten, egoistisch zu denken, doch die Frage ist, ob man in solch einer Welt noch (über)leben möchte. Mit fataler Folgerichtigkeit müssen die Figuren in
Carriers schließlich mit den Auswirkungen eines jeden Fehlverhaltens leben, egal wie bitter sie sein mögen: Man ist dazu gezwungen, andere im Stich zu lassen, die Freundin zum Sterben zurückzulassen oder sich gegen die eigene Familie zu wenden.
Carriers zeigt dabei menschliche Abgründe, lotet die Extreme aus, zu denen Menschen in Zeiten der Katastrophe fähig sind, ähnlich wie es auch Steven Spielbergs
Krieg der Welten in seiner gelungenen ersten Hälfte tat, ehe er dann zu Familienabenteuerkitsch verkam. Dies passiert
Carriers nicht, der Film zieht sein Ding bis zum bitteren Ende durch. Jenes Ende schlägt auch auf technischer Ebene einen Bogen zum Anfang, da
Carriers an beiden Stellen mit Urlaubsvideos, in denen das Brüderpaar in jungen Jahren zu sehen ist, arbeitet, die Geschehnisse der Haupthandlung somit quasi einrahmt.
Interessant ist hierbei auch die Anlage der Figuren, die weder übertrieben sympathisch noch allzu unsympathisch gezeichnet sind. Gerade durch diese Verbindung von Stärke und Schwäche, von ambivalenten Gesichtszügen wirken die Charaktere hier so menschlich, denn sie sind im Angesicht der Katastrophe ähnlich überfordert wie es auch der Zuschauer wäre. In einem wahrhaft ausgestorbenen Amerika müssen sie mit einem Widerspruch von Freiheit und Vorsicht umgehen. Die Schutzmaßnahmen gegen die Infektion auf der einen Seite, die Freiheit, in dieser leeren Welt quasi alles tun zu können, auf der anderen. Als letzte Erben der Spaßgesellschaft brettern sie in der Auftaktsequenz zu lauter Musik kreuz und quer über verlassene Straßen, ihre Atemschutzmasken haben sie mit lustigen Grimassen verziert – fast so, als wolle man sich das Vergnügen trotz Endzeit nicht verbieten lassen.
Carriers verweigert dem Zuschauer trotz klassischer Schockmomente und der horrorfilmtypischen Nutzung der Bildverengung als Stilmittel den oberflächlichen Genrespaß, anstelle von Horror, Blut und Action gibt es hier lediglich die äußere wie innere Reise der Protagonisten bis zum bitteren Ende zu beobachten. Nun mag man dabei kritisieren, daß
Carriers teilweise eher Gedankenspiel als klassisch aufgebauter Film ist, doch selbst wenn: Eine ausgesprochen lohnenswerte Erfahrung für jeden Freund nachdenklicher Endzeitstoffe ist das Ergebnis allemal.
2009-09-24 16:35