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Die koreanische Hochzeitstruhe

ROK/D 2009. R,B,K: Ulrike Ottinger. K: Sun-young Lee. S: Bettina Blickwede. M: So-young Kim. P: Ulrike Oettinger Filmproduktion, International Women's Film Festival Seoul.
82 Min. Arsenal Institut ab 1.10.09

Jenseits des Pauschalen

Von Carsten Tritt Mit dem technischen Fortschritt und der Globalisierung ist die Exotik etwas abhandengekommen. In den 1950er Jahren reichte es noch aus, mit einer Kamera Tieren in der Serengeti hinterherzufahren oder peruanische Bergdörfer zu besuchen, um das Publikum in Erstaunen zu versetzten. Inzwischen herrscht eine inflationäre Allgegenwärtigkeit solcher Bilder: Zwar findet die als Spektakel inszenierte, populärwissenschaftliche Dokumentation immer noch im Kino statt, aber wenn man genau hinschaut, ist das Sensationelle zumeist nur der Fortschritt der Aufnahmetechnik – näher dran, größer, in 3D.

Sogar Südkorea hat sich vom fremden Land im ehemals fernen Osten längst zur gleichberechtigten Industrienation emanzipiert und dürfte somit dem kosmopolisierten Normalverbraucher fast vertraut erscheinen, wenn sogar einer der ganz herausragenden Filme dieses Kinojahres ein koreanischer Western namens The Good, the Bad, the Weird war. Und trotzdem gelingt es Ottinger mit ihren dort entstandenen Aufnahmen, den Zuschauer ins Erstaunen zu versetzen und dies sogar fernab von jedem vordergründigen Spektakel. Es ist ihr vielmehr präziser, ruhiger Blick für das Wesen der Dinge, der über die gesamte Filmlaufzeit fasziniert und fesselt. Über weite Strecken erinnert dies etwa an die großartigen Dokumentararbeiten von Rainer Komers, wenn wie bei diesem alleine über eine Atmosphäre der Bilder und über einen ruhigen, den Zuschauer mitnehmenden Bild- und Tonschnitt die gezeigten Orte erlebbar werden.

Ulrike Ottinger verzichtet weitgehend auf erklärenden Kommentar, der nur redundant wäre, wenn etwa bei den Aufnahmen im Kloster recht am Anfang sogar schon die kräftigen, jedoch natürlich wirkenden Farben als unaufdringliche Betonung des Gezeigten ausreichen. Nur beim Packen der titelgebenden Truhe beschreibt eine Inhaberin eines Hochzeitsgeschäfts detailliert die Bedeutung jedes einzelnen Teils, aber die Art, wie sie dies ausführt, ist eigentlich wichtiger, als das Erklärte selbst.

Es ist, wie bei vielen sehr guten Dokumentarfilmen, für das Gelingen des Films irrelevant, ob der Zuschauer sich für das Thema interessiert, ebenso wie unwichtig ist, daß inzwischen sogar die Hohenzollernbrücke am Kölner Dom mit den gezeigten Liebesschlössern übersät ist und daß der Schlagersänger Cliff Richard hier langsam, aber sicher in Vergessenheit gerät, dessen koreanische Version eines seiner Stücke auf der ostasiatischen Halbinsel allerdings durchaus noch populär zu sein scheint. Ottingers Werk ist eine Reise jenseits des Pauschalen, die selbst in solchermaßen Bekanntem noch das Entdecken ermöglicht.

Besonders erfreulich ist, daß ihr Film nicht nur seine Runde durch diverse Festivals machte, um hiernach, wie viele ähnlich den Mainstream ignorierende Arbeiten, wieder im Keller der Produktionsfirma zu verschwinden, sondern daß diesem feinen Meisterwerk tatsächlich ein, wenn auch kleiner, Verleihstart vergönnt ist, und daher ist dringend anzumahnen, daß es, sollte es tatsächlich eine Gelegenheit geben, diesen Film in einem nahen Kino zu sehen, eine Schande wäre, diesen Genuß zu verpassen. 2009-09-28 12:05
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