— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Es kommt der Tag

D 2009. R,B: Susanne Schneider. K: Jens Harant. S: Jens Klüber. M: Biber Gullatz, Andreas Schäfer. P: Wüste Film Ost, Filmtank Stuttgart. D: Iris Berben, Katharina Schüttler, Carlo Brandt, Jacques Frantz, Sebastian Urzendowsky, Sophie-Charlo Kaissling-Dopff, Andrée Damant, Jean-Claude Arnaud u.a.
104 Min. Zorro ab 1.10.09

A History of Violence

Von Daniel Bickermann Susanne Schneider, die sich dieses Kinodebüt mit Drehbüchern wie Solo für Klarinette, mit unermüdlicher Theaterarbeit und vor allem mit ihrem schonungslosen Fernsehfilm In einer Nacht wie dieser verdiente, beweist auch in der höchsten, internationalen Spielklasse einen unbedingten Kompositionswillen und einen eigenwilligen, faszinierenden Stil. In dieser Form ist sie eine Bereicherung für das deutsche und das europäische Kino.
Schneiders größtes Glück dabei ist es, sich mit hungrigen Kreativen aus allen Bereichen umgeben zu haben: Iris Berben hat ihren Unterkiefer vorgeschoben, ganz ihre Sperrigkeit betonend, eine viel zu seltene Seite an ihr, sprödes Französisch und kehliges Deutsch keuchen aus ihr heraus. Die wunderbare Katharina Schüttler setzt inzwischen ihren Freund an einem Autobahnrastplatz aus wie ein unerwünschtes Haustier, und nicht nur dabei zuckt sie vor sich selbst zusammen. Sie ist eine dieser bis zum äußersten kompromißlosen Figuren, für die Schneider berühmt ist. Dazwischen die Männer, ahnungslos und liebenswert, vor allem Jacques Frantz, der wie ein gemütlich gewordener Johnny Hallyday durch sein um ihn herum zerfallendes Leben wankt. Und Schneider ist nicht hier, um uns mit Smalltalk aufzuhalten: Weniger als 15 Minuten braucht sie, um die beiden Frauenfiguren aufeinanderprallen zu lassen, und danach entbrennt ein schauspielerischer Totentanz, bei dem sich Berben und Schüttler erst in Eiseskälte und Getriebenheit übertrumpfen, nur um sich dann gegenseitig tiefer und tiefer herunterzubrechen. Beide arbeiten mit kurzen, abgehackten Bewegungen, die Editor Jens Klüber durch schnelle Schnittsprünge geschickt unterstreicht.

Besonderes Lob verdient sich auch Kameramann Jens Harant, der vor allem am Licht interessiert scheint, genauer: anfangs am gleißenden Gegenlicht, das die Figuren umschließt, sie aber nicht erhellt; später am Morgenlicht, das das fahle Bild von innen heraus leuchten läßt; und auch an der Perspektive, an den niederdrückenden Himmeln, die einzustürzen drohen.

Wenn alles gut läuft, muß die Autorin und Regisseurin nur noch draufhalten: Momente wie der, in dem sich Berben und Schüttler in einem Spiegel als verwandte Seelen erkennen, sind großes Filmemachen. Sicher gerät Schneider die eine oder andere politische Konfrontation etwas künstlich oder theatral, die emotionalen dagegen gelingen umso besser. Und sie kann Szenen und Stimmungen mittendrin umkippen lassen, mit einem einzigen harten Satz; sie kann die Figurendynamik urplötzlich drehen lassen; und sie kann ganze Dialoge ohne Worte erzählen, nur durch Blickwechsel. So verleiht sie einer Geschichte, die auf dem Papier nach einer hundertmal erzählten, altbackenen Politfabel erscheint, eine neue Dringlichkeit und eine ganz enorme emotionale Sprengkraft. 2009-09-24 11:01

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #55.

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap