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Oben

Up. USA 2009. R,B: Peter Docter, Bob Peterson. S: Kevin Nolting. M: Michael Giacchino. P: Pixar Animation Studios.
96 Min. Walt Disney ab 17.9.09

Operation Mensch

Von Sebastian Gosmann Bevor ein kunterbunter Riesenvogel und ein sprechender Hund Pixars mittlerweile zehntes Animationswunderwerk doch noch zu dem humorvollen, spannenden und actionreichen Kinderfilm machen, den man von John Lasseter & Co. eben erwartet, geht es wahrhaft tragisch zu in Oben.

Als Carl und Ellie sich kennenlernen, sind sie noch Kinder. Von Anfang an verbindet sie ein gemeinsamer Traum. Sie verlieben sich und heiraten. Sie renovieren das just erstandene Haus, richten ein Kinderzimmer ein. Doch es stellt sich heraus: Ellie kann keine Kinder bekommen. Aufrecht hält sie fortan einzig der Gedanke, sich irgendwann einmal ihren Lebenstraum doch noch erfüllen zu können. Sie versuchen, das wenige Geld, das am Ende des Monats übrig bleibt, zu sparen. Aber das Leben spielt ihnen so manchen Streich, und der Traum gerät in Vergessenheit. Als der (ergraute) Carl sich seines kindlichen Versprechens entsinnt, ist es zu spät. Ellie verlassen die Kräfte, sie wird krank. Und er zum Witwer.

Um all dies zu erzählen, benötigen Pete Docter und Bob Peterson gerade einmal fünf Minuten. Diese komplett dialogfreie Sequenz gehört sicherlich zum erzählerisch Ausgereiftesten, was Lasseters Animationsschmiede bis heute verließ. Untermalt von Michael Giacchinos beseeltem Score, zieht Carl Fredericksens Liebesglück und Lebensleid im Walzertakt an uns vorbei. Den Regisseuren gelingt hier ein grandioses Kunststück. Sie halten die Bildsprache so einfach und klar, daß sich das Erzählte auch einer jungen Zuschauerschaft erschließt, und stellen gleichzeitig sicher, daß diese Szenen dennoch ein solches Maß an Aufrichtigkeit und emotionaler Tiefe erlangen, daß auch Mami und Papi nicht umhin kommen, die eine oder andere Träne zu verdrücken. Großes Erzählkino en miniature!

Dann platzt der eiförmige Pfadfinder Russell in Carls einsames Rentnerdasein und bricht nicht nur einen pointenreichen Generationenkonflikt vom Zaun, sondern liefert im Zuge dessen auch gleich Stoff für eine anrührende Adoptionsgeschichte, wie sie Animationspionier und Konzernvater Walt Disney stolz gemacht hätte.

Daß man sich im Hause Pixar mit Carl und Russell – abgesehen vielleicht von den allein durch den Besitz spektakulärer Superkräfte zur Kinotauglichkeit gelangten Unglaublichen – erstmals an menschliche Hauptfiguren heranwagte, ist durchaus ein mutiger Schritt. Doch macht es den Anschein, als hätte sich mit dem Einzug der Spezies Mensch in das ansonsten von allerhand Kinderspielzeug, Krabbelviechern und Monstern bevölkerte Pixaruniversum auch eine Art kreatives Loch aufgetan. Denn Oben geht – die entzückende märchenhafte Grundidee einmal ausgenommen – ein wenig die Originalität seiner Vorgänger ab, deren besonderer Reiz ja zumeist vor allem darin bestand, daß sie den Zuschauer in gänzlich fremde Welten entführten, Mikrokosmen erschufen, deren eigene Gesetzmäßigkeiten auf Animatorenseite regelmäßig zu den irrwitzigsten Einfällen führte. An deren Qualität und Prägnanz vermögen auf Carls und Russells Reise ins vergleichsweise schnöde Südamerika einzig die sprechenden Hundehalsbänder zu erinnern.

Übrigens: Wem es nicht vergönnt ist, den Film in 3D anzusehen, der verzage nicht. Daß Oben auch ohne dritte Dimension ähnlich gut funktioniert, steht außer Frage. Denn der Raumeffekt wird hier erstmals konsequent der Erzählung unterworfen und verkommt nie zur bloßen visuellen Spielerei. Die 3D-Technik erhält hier genau den Stellenwert, den sie beim Film haben sollte. Sie sollte verstanden werden als unterstützendes Element, nicht als Hauptattraktion. 2009-09-16 15:12

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