— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Ashes of Time: Redux

HK 2008. R,B: Wong Kar Wai. K: Christopher Doyle. S: William Chang, Patrick Tam. M: Frankie Chan, Roel A. Garcia. P: Jet Tone Production. D: Leslie Cheung, Brigitte Lin, Tony Leung Chiu-wai, Carina Liu, Tony Leung Ka-fei, Charlie Young, Jacky Cheung, Bai L u.a.
93 Min. Splendid ab 24.9.09

Vorgeschichten

Von Sarah Sander Ashes of Time: Redux hat eine Vorgeschichte; das »Redux« im Titel zeigt es prominent an: Die Vorgeschichte heißt Ashes of Time (1994) und ist der erste Film, den Wong Kar-wai mit seiner 1992 gegründeten Produktionsfirma Jet Tone Films realisierte. Zwei Jahre dauerten die aufwendigen Dreharbeiten zu dem Martial-Arts-Epos, dem Christoper Doyle einem Interview zufolge viel von seinem Können und Wissen dankt. Er hätte weder Long Walk Home (Phillip Noyce, 2002) noch Hero (Zhang Yimou, 2002) ohne die Dreh- und Seherfahrungen in der chinesischen Wüste so realisieren können, sagt der gefeierte Kameramann, der von Days of Being Wild (1990) bis 2046 (2004) immer wieder mit Wong Kar-wai zusammengearbeitet hat. Wong Kar-wais erstem und soweit einzigem Martial-Arts-Film hat diese Augenschule offensichtlich gut getan: Ashes of Time ist ein Bilderepos von so flirrender visueller Dichte, wie die Geschichte verwoben und verstrickt ist.

Doch auch Ashes of Time ist eine Vorgeschichte; es ist die Vorgeschichte zu dem in Asien überaus bekannten Jianghu-Epos »The Eagle-Shooting Hereos«, das 1957-59 von Louis Cha unter dem Pseudonym Jin Yong geschrieben und zunächst als Fortsetzungsgeschichten in Zeitungen publizierte wurde – ein Umstand, der an den Protagonisten (Tony Leung) aus In the Mood for Love (2000) denken läßt. In Ashes of Time erzählt Wong Kar-wai die möglichen Vorgeschichten von zwei zentralen Charakteren aus »The Eagle-Shooting Heroes«; er fantasiert Versionen der Jugend der späteren Helden Dongxie (Malignant Lord of the East) und Xidu (Malicious Lord of the West). Die zwei alten Lords sind in »Eagle-Shooting Hereos« so gegensätzlich angelegt, daß Wong Kar-wai sie als Antithesen zueinander versteht, vielleicht gar als zwei Seiten einer Figur.

Denn im »Jianghu«, in der fantastischen Welt, in der alle Martial-Arts-Geschichten angesiedelt sind, sind nicht nur physikalische und moralische Gesetze extremisiert, auch Geschlechts- und Subjektgrenzen können zuweilen verwischen. In Ashes of Time sind es Murong Yin und Murong Yang, ein Geschwisterpaar oder auch eine Doppel-Person, die in einer hypnotischen Wachtraum-Sequenz im flackernden Licht einer Flickerlampe nicht nur die Frage nach Erinnern, Vergessen, Begehren und dem/der Anderen stellen, sondern auch die Geschlechter- und Subjektgrenzen zum oszillieren bringen.

Murong Yang sucht Ouyang Feng, den späteren »Lord of the East« auf, der in den westlichen Wüsten lebt, seit die Frau, die er liebt, seinen Bruder an seiner statt geheiratet hat. Jetzt heuert der zynische Held, der die lose verstrickten Geschichten aus Ashes of Time zusammenhält, reisende Schwertkämpfer an und vermittelt Auftragsmorde gegen Geld. Der Prinz Murong Yang wünscht den Tod Huang Yaoshis, der einmal der »Lord of the West« werden soll. Noch ist er der beste Freund Ouyang Fengs und kommt einmal im Jahr zu ihm in die westliche Wüste, um ihm von seinen Abenteuern zu erzählen und Nachricht von Ouyangs stiller Liebe zu bringen. Später in dieser Nacht besucht die Prinzessin Murong Yin den Auftragsmordvermittler und fordert den Tod ihres Bruders, der sie nicht ihr Leben leben lassen will.

Im Verlauf der traumhaften Nacht wechseln die Geschwister Yin und Yang wieder und wieder die Rollen und fragen so in halluzinatorischer Weise nach den gedachten Grenzen zwischen Ich und Du und Er und Sie. Unschärfen schärfen den Blick und fokussieren die Flächen im Bild, die vom orangenen Licht der Flickerlampe vom fleckigen Dunkel unterschieden sind. So setzt sich ein hypnotisches Bild zwischen Wachen und Traum zusammen, das ein Jianghu im Schwebezustand zeigt. Als Yin und Quayang sich schließlich berühren und die Nacht miteinander verbringen, reden beide von dem/der Geliebten, die nur in der Projektion anwesend sind. Am nächsten Morgen ist Murong fort.

Ashes of Time ist ein fantastischer Film, der dadurch berührt, daß alles immer unerreicht bleibt. Es ist ein Film von Einsamkeit, Hoffnung, Verlust und Tod; ein Film vom Kämpfen und Töten und von irren und kaputten Gestalten, die die eine Lehre zu verbinden scheint, daß es sich besser einsam als zurückgewiesen leben läßt. Liebe ist hier die Sehnsucht nach Abwesenden, Schmerz ein zwar körperliches Leid, doch Verlust und Tod vor allem Eintragungen im Gedächtnis des »Jianghu«. Denn Ashes of Time ist auch ein Film über Erinnern und Vergessen – und übers Erzählen.

Der Film ist gegliedert in fünf Kapitel, fünf Jahreszeiten aus dem chinesischen Almanach, und die Voice-Over-Stimme von Ouyang Feng gibt ihm die Narrationsstruktur einer Erinnerung. Es ist die halluzinatorische Erinnerung an Dongxies ferne Vergangenheit, die so oder anders gewesen sein kann. Nur die Erzählerstimme hält die episodische Narration zusammen, genau wie die verwickelten Geschichten um Liebe, Kampf, Schmerz, Sehnsucht, Verlust und Tod erst im Haus des Auftragmordvermittlers zusammenlaufen. Das ist das Faszinierende an Ashes of Time: Redux: daß die gebrochenen Figuren einem letztlich ebenso viel über ihre literarische Existenz und die Parameter der Fantasie verraten, wie über so archaische Dinge des Jianghu wie Liebe, Ehre, Vorbestimmung und den eigenen Weg. Denn so verschlungen die Pfade der späteren Helden in Wong Kar-wais Epos auch sind, ihr Weg bleibt doch immer vorbestimmt: durch den Fluchtpunkt der Charaktere in »The Eagle-Shooting Heros« ebenso wie durch die Gesetze des Jianghu. 2009-09-15 12:03

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap