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Das Massaker von Katyn

Katyn. PL 2007. R,B: Andrzej Wajda. B: Andrzej Mularczyk. K: Pawel Edelman. S: Milenia Fiedler, Rafal Listopad. M: Krzysztof Penderecki. P: Akson Studio. D: Joachim Paul Assböck, Stanislawa Celinska, Andrzej Chyra, Magdalena Cielecka, Alicja Dabrowska u.a.
118 Min. Pandastorm ab 17.9.09

Geschichtschirurgie

Von Patrick Hilpisch »Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit« – als George Orwell diese Zeilen 1948 veröffentlichte, konnte er aus einem reichhaltigen Fundus an totalitärer »Geschichtskorrektur« schöpfen. Das Nazi-Regime hatte es gerade erst mit seinem erschreckend effizienten Propaganda-Apparat vorgemacht. Und hinter dem Eisernen Vorhang arbeitete man mit allen Mitteln an einer eigenen Rezeptur für das makellose Gesicht eines perfekten kommunistischen Staates.

Fast 50 Jahre »kosmetische« Geschichtsschreibung sind in Polen mit dem Wort »Katyn« verbunden. Das sogenannte »Massaker von Katyn« steht für den systematischen Mord an über 20.000 Kriegsgefangenen. Offiziere, Intellektuelle, Künstler und andere Freidenker wurden von sowjetischen Truppen nach dem Einmarsch in Polen nach Rußland deportiert, im Frühjahr 1940 exekutiert und in Massengräbern beseitigt. Dem polnischen Staat sollte auf diese Weise jegliches Potential zum Widerstand genommen werden. Entdeckt wurde der Massenmord von deutschen Soldaten, die das Gebiet 1943 eingenommen hatten. Kurzzeitig für die NS-Propaganda ausgenutzt, wird das Massaker nach der Rückeroberung Polens durch die Sowjets den deutschen Faschisten angelastet. Auch international wird dieser Version Glauben geschenkt. Die neue polnische Volksrepublik entsteht quasi auf dem wackeligen Gerüst der Katyn-Lüge, das mit allen repressiven Mitteln gestützt wird. Erst der Zusammenbruch des Ostblocks bringt ein Einlenken der sowjetischen Regierung: Michail Gorbatschow gesteht die Alleinschuld am »Massaker von Katyn« ein.

Andrzej Wajda war 14 Jahre alt, als sein Vater in Katyn getötet wurde. Ein Schicksalsschlag, der ihn wie viele andere junge Polen prägte. Bereits in seinen ersten Regiearbeiten war der Krieg das bestimmende Thema, doch erst im Alter von 80 Jahren widmete sich der Regisseur dieser zugleich höchstpersönlichen wie gesamtpolnischen Tragödie.

Sein jahrzehntelanges Wirken als aufmerksamer Chronist der Geschichte seines Landes und seine enge Verbundenheit mit dem Verbrechen machten den Polen zum idealen kreativen Kopf hinter diesem Projekt. Die Realisation, so Wajda, sei jedoch vor allem eine »traurige Pflicht« gewesen. Auf Hollywoodtauglichkeit hat der Filmemacher sein Geschichtsdrama erwartungsgemäß nicht getrimmt. Dabei wäre es ein leichtes gewesen, den Stoff entlang der üblichen, ausgetretenen Genre-Pfade auszubreiten. Zwar legen die ersten zehn Minuten des Films einen solchen konventionellen Erzählgestus noch nahe, doch schnell wird klar, daß der Ehren-Oscar-Träger mit Das Massaker von Katyn keinen zweiten Schindlers Liste intendiert hat. Wajda legt den Plot weder als dramaturgisch »leicht« vorhersehbares Deportationsepos an noch greift er zu ausufernd auf die üblichen Klischees zurück.

Sein Fokus liegt auf der Qual und Ungewißheit der Zurückgebliebenen sowie den ideologischen Implikationen nach Bekanntwerden des Massakers. Die Dramaturgie der Ereignisse erschließt der Regisseur nicht über einen klar strukturierten Spannungsbogen oder eine einzelne Identifikationsfigur. Durch ein elliptisches Erzählen und einen sprunghaften Wechsel zwischen Szenen aus dem Kriegsgefangenenlager und aus dem Leben der zumeist weiblichen Familienangehörigen entsteht ein wachsendes Gefühl der Verunsicherung und zeitweise gar eine Art Orientierungslosigkeit. Wajda gelingt das Kunststück, die einlullende Wärme einer stringenten Erzählung zu verlassen, um ein tieferes empathisches Miterleben der Gefühlsstrukturen seiner Figuren zu ermöglichen.

Das hierfür nötige Maß an Menschlichkeit und Emotion wird dem Film durch die durchweg überzeugenden Leistungen der Darstellerinnen und Darsteller verliehen. Dabei bewegt sich der Film geschickt um die Zeitachse des Massakers, das zunächst nur in Form von Propagandafilmen auftaucht und dann in den letzten zehn Minuten umso heftiger mit voller inszenatorischer Wucht zuschlägt.

Das Massaker von Katyn ist nicht nur ein wichtiges und nötiges Denkmal für die Hingerichteten, sondern auch für jene, die sich mutig für die Aufdeckung der wahren Hintergründe eingesetzt haben. Und gleichzeitig wirft der Film höchst aktuelle Fragen bezüglich der Macht der Medien auf. Denn wer die Medien kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft – das wußten schon die Nazis und die Sowjets, das wußte George W., und das weiß Mahmud Ahmadinedschad. 2009-09-11 11:10

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