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Liebe und andere Verbrechen

Ljubav i drugi zlocini. SER/D/A/SLO 2008. R,B: Stefan Arsenijevic. B: Srdjan Koljevic, Bojan Vuletic. K: Simon Tansek. S: Andrew Bird. M: Oliver Welter. P: Art & Popcorn, Coin Film, KGP u.a. D: Anica Dobra, Vuk Kostic, Milena Dravic, Fedja Stojanovic, Hanna Schwamborn.
106 Min. alpha medienkontor ab 17.9.09

Abschied von gestern

Von Tamar Noort Anicas blondes Haar ist der einzige Farbtupfer in einer grauen Welt. Hoch türmen sich die Plattenbauten Belgrads in den Himmel, es schneit, und Anica nimmt Abschied von dem Ort, in dem sie ihr gesamtes bisheriges Leben verbracht hat, sie nimmt Abschied von den Menschen, die sie liebt und die ihr Geborgenheit geben. Warum Anica fortgehen will, erfahren wir nicht – doch sie treibt diese Entscheidung so entschlossen voran, daß es eine natürliche Notwendigkeit zu sein scheint. Es ist einfach Zeit. Anica hat weder Träume noch Ziele, sie möchte weg, aber wohin sie gehen wird – das behält sie für sich. Darauf kommt es ihr nicht an. Sie braucht keine glänzende Zukunft, sondern eine Gegenwart im Wandel. Wie leicht das Leben sich verändern läßt, vergißt man schnell, wenn die Jahre der Routine jeden Veränderungswillen sanft im Keim ersticken. Und doch ist jede Sekunde ein Neuanfang möglich – sofern man die Entschlossenheit aufbringt, den neuen Weg tatsächlich zu beschreiten.

Das triste Leben in Belgrads Vorstadt ist nicht gerade ein wohltuender Lebensraum. Anicas Geliebter, der alternde Patriarch Milutin, führt eine Truppe von Kleinkriminellen, die sich mit einer rivalisierenden Bande um die Vorherrschaft im Viertel prügeln. Sie leben vom Schutzgeld, doch der schwer depressive Milutin interessiert sich für die Geschäfte schon lange nicht mehr.

Das satte Grau in Grau der Kulisse böte wohl so manchem den Gedanken zur Flucht. Und tatsächlich ist Anica nicht die einzige, die ihrer Gegenwart entfliehen will. An dem Tag, bevor sie Milutins Safe plündern und sich aus dem Staub machen will, trifft sie ein letztes Mal die Menschen, mit denen sie ihr Leben geteilt hat. Jeder einzelne von ihnen hat ein eigenes Instrument, sich von der Gegenwart loszumachen. Die Tochter Milutins, die vierzehnjährige Ivana, hat schlicht die Kommunikation mit der Außenwelt gekappt: Sie spricht nicht mehr und entkommt der Gegenwart, indem sie sich der sozialen Vernetzung verweigert, die den Menschen im Hier und Jetzt verankert.

Eine alte Dame, die früher als gefeierte Sängerin in Paris aufgetreten ist, baut sich Abend für Abend in der Abstellkammer einer schäbigen Kneipe eine Maske auf und singt vor ein paar Saufbolden – in der festen Überzeugung, sie sei immer noch ein gefeierter Star. Sie flieht in die Vergangenheit. In gewissem Sinne macht das auch ihr Sohn, Stanislaw. Er ist ein Jugendfreund von Anica und seit zwölf Jahren unsterblich in sie verliebt. Seine Welt besteht aus alten Geschichten aus der gemeinsamen Kinderzeit, er verliert sich in seiner Liebe zu ihr. Stanislaw begleitet Anica an ihrem letzten Tag, findet endlich den Mut, ihr seine Gefühle zu beichten – doch damit ist der Bann gebrochen, er muß in die Realität zurückkehren, und er wird daran scheitern.

Mit jeder Begegnung Anicas an ihrem letzten Tag erzählt Stefan Arsenijevic eine andere Geschichte der Flucht – und in seiner liebevollen Zeichnung der Figuren singt er ein Loblied auf die Kraft der Imagination. Sie treten auf der Stelle und träumen sich hinfort. Anicas Welt hingegen spielt sich außerhalb der Imagination ab. Ihre Gegenwart ist tatsächlich im Wandel – auch wenn das bedeutet, die Heimat verlassen zu müssen. 2009-09-10 10:23

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