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Taking Woodstock

USA 2009. R: Ang Lee. B: James Schamus. K: Eric Gautier. S: Tim Squyres. M: Danny Elfman. P: Focus Features. D: Demetri Martin, Imelda Staunton, Henry Goodman, Emile Hirsch, Jeffrey Dean Morgan, Eugene Levy, Jonathan Groff u.a.
120 Min. Tobis ab 3.9.09

Hauptsache, das Feeling stimmt

Von Sebastian Gosmann Als junger Mann war Elliot Tiber eine Zeit lang Präsident der Handelskammer von Bethel, einer 4.000-Seelen-Gemeinde im Staate New York. Die Befugnisse, die dieses öffentliche Amt mit sich brachten – und natürlich sein wacher Verstand – bemächtigten den damals 34Jährigen dazu, im Sommer 1969 The Who, Janis Joplin und Joe Cocker quasi im eigenen Vorgarten spielen zu lassen. Cooler Job.

Daß in diesem Zuge auch noch das heruntergekommene, kurz vor der Zwangsversteigerung stehende »El Monaco«-Motel seiner Eltern von Woodstock-Organisator Michael Lang kurzerhand zum Festival-Hauptquartier umfunktioniert wurde, war der wahre Segen – nicht nur für Elliots Eltern, sondern auch für ihn selbst. Denn erst dieser unverhoffte Geldregen ließ den pflichtbewußten Elliot, der zu dieser Zeit bereits in der Kunstszene New York Citys Fuß gefaßt hatte, überhaupt daran denken, dem Leben in der Provinz ein für allemal den Rücken zu kehren, um sich endlich ungestört seiner Karriere als Innenausstatter widmen zu können. Die Geschehnisse, Erlebnisse und zwischenmenschliche Begegnungen vor und während der dreitägigen »Woodstock Music and Art Fair« werden für Elliot zu einer Art verspäteter Coming-of-Age-Erfahrung. So trifft er etwa auf den blondperückten Transvestiten Vilma, der seinen muskulösen Körper zwar in fliederfarbene Kleider zwängt, dessen weibliche Anmut lustigerweise durch einen auffallend breitbeinigen Gang und die unverstellt tiefe Stimme konterkariert wird. Stiernacken Liev Schreiber liefert mit der Darstellung dieser äußerst amüsanten Erscheinung nicht nur eine denkwürdige schauspielerische Leistung ab, sondern verkörpert gleichzeitig die Schlüsselfigur des Films. Elliot ist tief beeindruckt von der Selbstverständlichkeit, mit der sich der ehemalige US-Marine seinem Anderssein hingibt. Bald wird er in einem der schönsten Augenblicke des Films in aller Öffentlichkeit einen Mann küssen.

Daß Ang Lee keinerlei historisches Bildmaterial verwendet – weder von den Künstlern noch vom Drumherum – mag zunächst verwundern. Doch die Entscheidung, das Woodstock-Feeling aus eigener (inszenatorischer) Kraft herzustellen, erweist sich letztlich als die einzig konsequente. Taking Woodstock beruht zwar auf Elliot Tibers gleichnamigem autobiographischem Roman, doch entstand dieser erst fast 40 Jahre nach Woodstock; und kann somit »lediglich« aus den – von der mythischen Verklärung des Megaevents vermutlich nicht unbeeinflußt gebliebenen – persönlichen Erinnerungen seines Autors bestehen. Dokumentaraufnahmen aus jener Zeit hätten zu einer unangemessenen Allgemeingültigkeit eines sehr individuellen Blickwinkels geführt. Zudem macht Lee damit deutlich, daß er eine Geschichte erzählt, die quasi backstage passiert. Woodstock dient lediglich als Kulisse, vor der sich all das zuträgt oder besser: überhaupt erst zutragen kann.

Lee tut also gut daran, ganz auf die Vorstellungskraft des Zuschauers zu vertrauen, der – angesichts der Sorgfalt, mit welcher Regie, Ausstattung und Kostümdepartment vorgehen – auch ohne Hendrix und Joplin voll auf seine Kosten kommt. Als Elliot dann mit dem Polizeimotorrad zum Festivalgelände chauffiert wird, sind die Bilder vom bunten und friedlichen Treiben, auf das er verdutzt hinabblickt, kaum zu unterscheiden von jenen, die Michael Wadleigh einst für seine legendäre »Woodstock«-Dokumentation schoß. Ang Lees ausgemachtes Ziel war es, eine vollkommen zynismusfreie Komödie über die heutzutage oft als naiv und realitätsfern belächelte Love & Peace-Ära zu schaffen; dieses ganz besondere Lebens- und Gemeinschaftsgefühl, die ungezwungene Atmosphäre während dieser drei Tage auf Leinwand zu bannen, ohne die Blümchenkinder von damals als ahnungslose Pazifisten oder hoffnungslose Idealisten bloßzustellen. Und er hat dieses Ziel erreicht. Taking Woodstock blickt sehnsuchtsvoll auf diese Zeit und ihre Menschen – und feiert sie leidenschaftlich. Halleluja! 2009-09-04 12:55

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