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The One Man Village

Semaan Bil Day'ia. RL 2008. R,B,S: Simon El Habre. K: Bassem Fayad, Marc Karam. P: Beirut DC, mec film.
86 Min. Mec Film ab 10.9.09

Allein im Dorf

Von Rebekka Hufendiek Semaan El Habre steht mit dem Hahnenschrei auf und beginnt, seine Kühe zu melken und die Milch auszufahren. Später hackt er Holz, heizt den Ofen und kocht Kaffee, um sich für ein Gespräch mit seinem Neffen im kargen Wohnzimmer seines Hauses einzufinden. Simon El Habre porträtiert seinen Onkel, der als einziger nach dem langen Bürgerkrieg in das libanesische Dorf Ain el-Halazoun zurückgekehrt ist, um dort von der Landwirtschaft zu leben, wie seine Eltern früher, wie alle hier früher und wie er es sich immer erträumt hatte. Allein, ganz allein bestellt Semaan seinen winzigen Hof. Stolz präsentiert er jede Kuh einzeln der Kamera und stellt sie vor, fast feierlich sitzt er im Lehnstuhl unter dem Foto seiner Eltern und verliest aus dem Stammbuch, wann welche Kuh geboren ist, wann sie zum ersten Mal schwanger geworden ist und welche Kuh von welcher abstammt.

Simon El Habre beobachtet ohne zu kommentieren das Einsiedlerleben seines Onkels und ist doch als Teil des Geschehens immer wieder präsent: »Mach doch mal die Kamera aus Simon, dann erzähle ich dir das«, sagt Semean zum Beispiel, als es um seine einzige große Liebe und deren Scheitern gehen soll. »Wo hast du uns hingeführt Samir?«, fragt der Regisseur, als er mit einem ehemaligen Dorfbewohner in einem niedrigen steinernen Verschlag angekommen ist. Eine Barrikade sei dies einmal gewesen, sagt Samir und beginnt, vom Krieg zu erzählen, von dem niemand gewußt habe, warum er begann, nur wie er endete. Bei El Habre finden Formen des Direct Cinema und eine äußerst subjektive Auseinandersetzung mit dem Land und der eigenen Herkunft zusammen. Es entsteht ein Hybrid, in dem geduldig und kommentarlos der verschrobene Charakter des alleinlebenden Onkels porträtiert wird und das darüberhinaus in Montagen aus lichten, stilisierten Standbildern das Tal in den Bergen zeigt, in das sich Semaan während der Kriegsjahre stets zurückgesehnt hat. Verwilderte Wälder, gepflegte Felder, rostige, steinerne, bröckelnde Ruinen. Diesem stillen, kunstvollen, kommentarlosen Erzählen stehen die Szenen gegenüber, in denen Simon El Habre beginnt, als Familienmitglied zu agieren oder als solches angesprochen wird. Obgleich nie selbst im Bild, gibt er dem Film eine politische Dimension, indem er den Nachbarn, die tagsüber kommen, ihre Felder bestellen und abends nach Beirut zurückkehren, Fragen zum Bürgerkrieg stellt. Ob die Sozialisten oder die Israelis schuld am Krieg gewesen seien, wird so verhandelt, und ob es sich lohnen könnte, zurückzuziehen, wo doch die jüngere Generation in der Stadt bleibt und nicht mehr für das Landleben zu gewinnen ist. »Schau dich zum Beispiel an«, sagt der Nachbar zu Simon El Habre, »du könntest hier auch nicht mehr leben.« Das mag stimmen. Simon El Habre unterrichtet an der Libanesischen Akademie der Schönen Künste in Beirut und gilt als einer der besten libanesischen Editoren. Sein Film ist trotzdem oder gerade deshalb ein beeindruckendes Porträt geworden. 2009-09-04 14:48
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