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Solo für Sanije – Die wahre Geschichte der Solo Sunny

D 2008. R,B: Alexandra Czok. K: Jakobine Motz. S: Gudrun Steinbrück. P: Sunset Movie Production.
79 Min. Kinobar Prager Frühling ab 10.9.09

Allein Allein

Von Eva Tüttelmann Die Sunny vom Prenzlberg, wie man sie aus Konrad Wolfs grandios erfolgreicher DEFA-Produktion Solo Sunny kennt, ist eine echte Göre, die sich ihre Berliner Schnauze nicht verbieten läßt. Wenn sie jemanden für einen Eckenpinkler hält, sagt sie es ihm ins Gesicht; wenn sie Lust hat, mit jemandem zu schlafen, dann tut sie das auch. Sunny singt Schlager in der DDR, doch ihr Herz gehört dem Rock’n’Roll.

Die reale Sanije Torka, Vorlage für Wolfs Figur der Sunny, fiel vor langer Zeit und landete in der Justizvollzugsanstalt für Frauen in Berlin-Reinickendorf. Da Wein ihr Sodbrennen bereitete, stieg sie – wenn man so will aus gesundheitlichen Gründen – auf Wodka und Korn um; diese jedoch ergaben eine törichte Mischung in Kombination mit den Schlaftabletten, und so ließen sich Depressionen und die dazugehörige Medikation nicht lange bitten. Es folgte professionell ausgeübter, organisierter Ladendiebstahl, der nicht unbedingt aus der Not heraus, sondern oft auch aus Trotz verübt wurde: Sanije wollte die schönen Sachen gern haben, sah aber nicht ein, soviel Geld dafür zu bezahlen. Nun, da es ihr in der JVA gar nicht so schlecht geht, sitzt Sanije ihre Strafe aus.

Alexandra Czoks Porträt der »Solo Sunny« zeigt eine Frau, die viel mitgemacht hat, für die jedoch aufgrund ihrer jugendlichen Naivität die eigene Unangepaßtheit zum Gefängnis wird. Sanije ist einsam und ist es immer gewesen. Eine echte Bindung hat sie nur zum Anderssein. Ihre Figur, ihr aktuelles Umfeld und ihre Vergangenheit liefern so viel, was es wert gewesen wäre, erzählt zu werden, daß viele Entscheidungen innerhalb der Dramaturgie nicht nachvollziehbar sind. Die dokumentarische Begegnung mit Sanije verweilt an der Oberfläche, dafür zeigt uns der Schnitt mehrmals ihre Mitinsassinnen, wie sie in ihren eigenen Zimmern zu türkischer und spanischer Musik ausgelassen tanzen. Auch die fernsehreportagenhafte Montage der Talking-Heads-Sequenzen werden der Ernsthaftigkeit und dem Potential der Geschichte nicht gerecht. Solo für Sanije will der Figur aus Solo Sunny ein Gesicht geben, sie aus ihrer Fiktion befreien – leider nur, um sie erneut einzusperren. 2009-09-07 11:50

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #55.
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