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LOL

LOL (Laughing Out Loud). F 2008. R,B: Lisa Azuelos. K: Nathaniel Aron. S: Stan Collet. P: Pathé, Poisson Rouge Pictures. D: Sophie Marceau, Christa Theret, Jérémy Kapone, Marion Chabassol, Lou Lesage, Émile Bertherat, Félix Moati, Louis Sommer u.a.
103 Min. Delphi ab 27.8.09

Le Frisur

Von Daniel Bickermann Das hat Sophie Marceau nicht verdient. Sie hat mit Antonioni und Wenders gedreht, mit Tavernier und Gibson, sie hat Shakespeare und Tolstoj auf die Leinwand gebracht, und sie war die vielleicht gefährlichste Bond-Geliebte aller Zeiten. Überdies hat sie 2002 mit dem ergreifenden Liebesdrama Parlez-moi d'amour ein preisgekröntes Drehbuch- und Regiedebüt abgeliefert und mit dem finsteren Krimi La disparue de Deauville (in dem Christopher Lambert seinen besten Auftritt seit zehn Jahren hat) bewiesen, daß sie als Filmemacherin durchaus eine Zukunft hat. Und ja, okay, sie war vor unfaßbaren 29 Jahren, das ist nach Kinozeitrechnung quasi im Paläozoikum des neuen europäischen Kinos, auch mal ein pausbackiger Backfisch in einer französischen Teenie-Komödie, die einige Sequels und einen Co-Star mit Hang zum Schnulzenschlager hervorgebracht hat. Aber daß der deutsche Verleih nun die eher nebensächliche Teenie-Komödie LOL mit der beinahe schon rufschädigenden Unterzeile »La Boum war gestern – LOL ist heute« bewerben zu müssen glaubt, das ist traurig.

Doch wenden wir uns dem Produkt hinter der Werbung zu, in dem Marceau übrigens eine charmante Nebenrolle hat, die sie zwar eher unterfordert, aber die trotzdem noch das Stimmigste hier auf der Leinwand ist. Als moderne Teenagerkomödie macht LOL, die Geschichte einer sinn- und sexsuchenden Teenagerin, ihrer Mutter und ihres turbulenten Freundeskreises, erst mal vieles richtig, was sonst daneben geht: Jenseits aller Klischees surfen die Schulmädchen hier schonmal nach Internetporno, während ihre Klassenkameraden versonnen in Bill Clintons Autobiographie blättern oder die Eltern sich genervt einen Joint anstecken. Überhaupt ist LOL das Porträt zweier völlig verwirrter Generationen, die, durch eine in der modernen Geschichte wohl einmaligen Situation, nichts zu streiten haben. Eltern und Kinder sind sich in Grundzügen einig was Partys, Liebe, Drogen, Lebenswandel, Kleidung und selbst Musik angeht. Verzweifelt konstruiert man sich so Probleme aus mangelnder oder doch übermäßiger Nähe zusammen, aus Lügen und Geheimnissen, aber der gute alte Schwung eines ordentlichen Generationenkonflikts will sich einfach nicht einstellen. Mama wirft Papi aus dem Haus, hat aber noch Sex mit ihm? Eklig, aber kann man verstehen. Die Tochter rollt sich ab und zu einen Joint? Ja, das ist böse, aber solange es nicht exzessiv wird, wird Mama bestimmt nicht im Glashaus mit Steinen werfen. Mama beginnt eine Affäre mit einem feschen Polizisten? Kann die Tochter verstehen, sieht ja durchaus lecker aus. Der Sohn spielt Gitarre, anstatt sich in der Schule anzustrengen? Nach einem Besuch bei dem Konzert, auf dem hunderte Mädchen den Softrockgott anhimmeln, ist Papa dann irgendwie doch stolz auf Sohnemann. Man badet buchstäblich in derselben Badewanne, und Lisa Azuelos’ kluges Drehbuch gibt gar nicht erst vor, daß es unüberwindliche Brücken zwischen den Generationen geben könnte – sie würden ohnehin seltsam fehl am Platz wirken. Zudem spekuliert der Film, keineswegs erfolglos, auch um die Gunst des erwachsenen Publikums, das sich sowohl in der pragmatischen Eltern- als auch in der pragmatischen Jugendgeneration wiederfinden kann.

Andere inhärente Probleme des Jugendfilms dagegen treten in LOL geradezu exemplarisch zutage. So schert dieser eher realistisch gedachte Film aus der europäischen Tradition aus, Kinderdarsteller im tatsächlichen Alter zu finden (man denke vor allem an skandinavische Beispiele wie Raus aus Amal und So finster die Nacht, denen die pubertären Darsteller eine bemerkenswerte Dringlichkeit verleihen), und rutscht eher in die amerikanische Schiene, wo volljährige Schauspielstudenten so tun, als würden sie noch zur High School gehen (was nicht nur bei manchen Apatow-Filmen zu unfreiwilliger Komik führt). In LOL wirkt die 18jährige Christa Theret viel zu alt für ihre pubertären Kapriolen, und der 19jährige Jérémy Kapone ist als Mael schlicht doppelt so groß und massiv wie sein Filmvater, vor dessen Wut er doch große Angst haben soll. Manche Dinge lassen sich eben einfach nicht spielen, und in diesem Alter sind drei Jahre eine Ewigkeit, die nicht nur die emotionalen Szenen etwas albern machen, sondern auch das gleichaltrige Zielpublikum verwirren dürften. Von dem perfekt aufgetragenen (aber modisch leider schrecklich verfehlten) Styling der Jugendlichen in Kleidungs- und Frisurfragen will man an dieser Stelle gar nicht anfangen, das hat mit der Schulhof-Realität in etwa so viel zu tun wie Sex and the City mit dem örtlichen Damenkegelverein.

So bleibt LOL sowohl auf inhaltlicher als auch auf stilistischer Ebene eine durchwachsene Wundertüte, die durchaus charmante Momente hat – und dann wieder grenzkitschig wird; die einige interessante Inszenierungsideen wie Split Screens aufweist – und dann wieder ewiglange Langweilwüste bietet; die stille, subtile und atmosphärische Bilder bietet – und dann wieder ordentlich mit der Klischeekeule draufdrischt; die so tut, als wäre sie total up to date – und dann im Titel ein vor zehn Jahren aus der Mode gekommenes Internet-Kürzel verwendet, als wäre das der Gipfel moderner Technologie. Überhaupt ist mit der Titelwahl LOL eigentlich alles über diesen Film gesagt: Das Ganze hat weder irgendwas mit der Internet-Generation zu tun, noch gibt es besonders viel zum laut Herauslachen, aber der Versuch, die Jugendsprache nachzuvollziehen, ist in seiner Hilflosigkeit schon wieder irgendwie süß.

Bleiben also drei Dinge zu hoffen; erstens möchte man mehr von Marceau sehen, auf daß diese wundervolle Schauspielerin und Regisseurin nicht mehr mit einem dreißig Jahre alten Knutsch-Klassiker hausieren gehen muß; zweitens wünscht man sich, die durchaus einfallsreiche Regisseurin Azuelos würde ihre Originalität beim nächsten Mal vielleicht ein bißchen stringenter gestalten und so einen homogeneren, nicht so zerfahrenen Film hinkriegen; und drittens möchte man beten, daß sich der gezeigte Frisurentrend keinesfalls unter tatsächlichen Teenagern durchsetzen möge, auf daß deutsche Schulhöfe künftig nicht von Pseudo-Mod-Horden bevölkert sind, die aussehen, als hätte man eine Reihe Heintje-Klone kopfüber in einen Bottich voller Schmiergel getunkt. 2009-08-26 10:41
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