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Beim Leben meiner Schwester

My Sister's Keeper. USA 2009. R,B: Nick Cassavetes. B: Jeremy Leven. K: Caleb Deschanel. S: Alan Heim, Jim Flynn. M: Aaron Zigman. P: Gran Via Productions, Mark Johnson Productions. D: Cameron Diaz, Abigail Breslin, Alec Baldwin, Jason Patric, Sofia Vassilieva, Heather Wahlquist, Joan Cusack, Thomas Dekker u.a.
109 Min. Warner ab 27.8.09

Schongang

Von Arezou Khoschnam Die embryonale Stammzellenforschung hat hierzulande, aber auch in anderen europäischen Staaten sowie in Übersee, für viel Diskussionsstoff gesorgt. Die Folge ist eine unstete Gesetzeslage, die in unterschiedliche Richtungen Änderungen erfährt. Die Mediziner sehen in den embryonalen Stammzellen die bahnbrechende Möglichkeit, Krankheiten wie Krebs, Parkinson, Alzheimer, Diabetes und andere Leiden zu therapieren. In Deutschland ist eine derartige Forschung grundsätzlich verboten, es sei denn, es handelt sich um importierte Stammzellen. Der Gebrauch dieser Zellen zu Forschungszwecken ist allerdings auch nur dann erlaubt, wenn sie – so erst kürzlich vom Bundestag beschlossen – vor dem 1. Mai 2007 gewonnen worden sind. Das besagt die Stichtagsregelung. In Frankeich, Finnland, Griechenland, Spanien, den Niederlanden und in den USA hingegen ist die embryonale Stammzellenforschung grundsätzlich erlaubt. Die jeweiligen Rechtsprechungen sind der Ansicht, daß man bei den Embryos erst nach 14 Tagen von Individualität sprechen könne und sie bis dahin für die Forschung zur Verfügung stehen dürften. In den USA schieden sich die Geister bislang lediglich in Bezug auf die Verwendung der staatlichen Gelder. Seit nun Obama in das Weiße Haus gezogen ist, gibt es auch hierfür ein generelles Okay.

Die international heterogene Gesetzeslage offenbart das Fehlen allgemeingültiger Antworten auf eine Reihe ethischer Fragen: Ab wann ist der Mensch ein Individuum? Haben wir das Recht, menschliche Embryos im Dienste einer Sache zu zeugen, statt ihrer selbst willen? Dürfen wir über fremdes Leben und den Sinn darin entscheiden? Diese und weitere brisante Fragen sind Thema in Jodi Picoults Erfolgsroman »Beim Leben meiner Schwester«, den Nick Cassavetes nun für die große Leinwand verfilmt hat.

Der Film erzählt die Geschichte der Familie Fitzgerald, deren Alltag um die leukämiekranke Tochter Kate kreist. Als Sara und Brian, die Eltern von Kate und Jesse, ihrem zweiten Kind, vom Arzt die niederschmetternde Diagnose über Kates Zustand erhalten, hatten sie mit der Familienplanung bereits abgeschlossen. Das ändert sich, als ihr Arzt sie in den Möglichkeiten der embryonalen Stammzellenforschung unterrichtet. Da weder sie noch er als kompatible Spender für ihr Kind infrage kommen, muß eine andere Lösung her. Mit der Absicht, eine genetische Entsprechung für Kate zu zeugen, entscheidet sich das Paar für ein drittes Kind: Anna. Bereits an dieser Stelle im Drehbuch hätte Cassavetes in die Diskussion einsteigen, sich dem Grundthema seiner Adaption annehmen müssen. Doch Saras und Brians Entschluß wird nicht hinterfragt. Cassavetes beschränkt sich stattdessen auf wenige, kurze Szenen, die dem Inhalt in seiner Chronologie geschuldet scheinen, nicht aber in seiner Tiefe. So findet lediglich eine Bebilderung statt, die die Eltern beim Arzt zeigt.

Anna, weiß um die Umstände, die ihrer Geburt vorausgingen. Sie weiß, was sie von den meisten anderen Menschen unterscheidet. Normalerweise werden Kinder ohne einen bestimmten Grund gezeugt, es passiert mehr oder weniger durch Zufall, erzählt Anna gleich zu Beginn des Films aus dem Off. Doch ihr Leben ist unmittelbar an einen bestimmten Zweck gebunden: Sie wurde geboren, um ihrer älteren Schwester Kate das Leben zu retten. Fortan muß sie sich medizinischen Eingriffen und Operationen unterziehen. Erst werden ihr Stammzellen aus ihrer Nabelschnur entnommen, dann aus dem Rückenmark. Trotz aller Transfusionen geht es Kate nicht sonderlich besser. Als irgendwann auch noch ihre Nieren versagen, kommt nur die mittlerweile elfjährige Anna als Spenderin infrage. Und da wendet sich das Blatt zum ersten Mal: Anna weigert sich, ihren Körper weiterhin zur Verfügung zu stellen. Sie möchte selbst über ihren Körper bestimmen können. Bei einem bekannten Anwalt reicht sie sodann gegen ihre Eltern eine Klage ein und zieht sogar vors Gericht.

Diese dramaturgische Entwicklung lässt einige Zeit auf sich warten. Umso größer ist an diesem Punkt die Erwartungshaltung des Zuschauers. Während Cassavetes, Regisseur und Drehbuchautor in Persona, das Augenmerk seiner Inszenierung bislang enttäuschenderweise auf den Alltag der Familie Fitzgerald gelegt und dabei jedes Familienmitglied als Erzähler einzeln aus dem Off zu Wort hat kommen lassen, hat er jetzt die Gelegenheit, zumindest die Frage nach der Selbstbestimmung über den eigenen Körper zu erörtern, die Anna plötzlich in den Raum wirft und schließlich so den Wendepunkt im Film herbeiführt. Immerhin vertreten die Elternteile nun unterschiedliche Positionen. Brian beginnt, darüber nachzudenken, ob er und seine Frau sich richtig verhalten haben. Schließlich haben sie Anna nie nach ihrer Meinung gefragt. Doch Sara kann nur noch daran denken, ihr Kind zu retten, mit allen Mitteln, ohne Rücksicht auf Verluste. Cassavetes schafft es jedoch nicht, das Potential der Geschichte für sich zu nutzen und scheitert kläglich an der Dramaturgie im Gerichtssaal. In der herbeigesehnten Verhandlung geht er nicht angemessen auf die Problematik ein. Es bleibt beim Anhören der gegnerischen Parteien, die sich schließlich sogar als Verbündete entpuppen. Gegen Ende stellt sich zur Überraschung aller heraus, daß Anna nicht wirklich für ihr eigenes Selbstbestimmungsrecht eingetreten ist, sondern ganz im Sinne ihrer Schwester gehandelt hat. Cassavetes weicht der Konfrontation mit dem schwierigen Thema der Stammzellenforschung aus und entzieht der Diskussion damit ihre Berechtigung.

Unterm Strich bleibt ein Familienfilm, dessen Fehler darin liegt, Tiefen vorzugeben, die er nicht hat. Einzig und allein die Jungschauspieler, allen voran Abigail Breslin in der Rolle der Anna – den Kinogängern sicherlich bekannt aus Little Miss Sunshine – und Sofia Vassilieva als Kate, sind beeindruckend. Die beiden spielen ihre älteren Kollegen locker an die Wand. Cameron Diaz hingegen – von Cassavetes entgegen ihres Stereotyps besetzt – kann ihrer Rolle als aufopfernde Mutter trotz spürbarer Anstrengung nicht gerecht werden.

Es gibt allerdings durchaus Momente, die man positiv hervorheben kann, da sie rühren. Beispielsweise die Tatsache, daß der Film Kate nicht nur als Leidende, sondern auch als ganz gewöhnlichen Teenager mit den üblichen pubertären Problemen zeigt. Oder als Sara sich für Kate den Kopf kahl schert, damit diese sich ihrer Glatze nicht länger schämt, endlich mal wieder aus dem Haus geht und das Leben genießt. Oder aber als Kate, wohlwissend, daß die Zeit des endgültigen Abschieds gekommen ist, die anderen bittet, aus ihrem Krankenzimmer zu gehen, bis auf ihre Mutter, da diese der Wahrheit noch immer nicht ins Gesicht schauen will und nun sie, die Kranke, zur Trösterin wird.

Gegen Ende des Films liegt das Thema Sterbehilfe in der Luft, quasi zum Greifen nah. Aber jetzt wird es wohl keinen mehr überraschen, daß Cassavetes auch diese Chance am dramaturgischen Himmel vorbeiziehen läßt. Rührender Familienfilm? Ja! Aber sicher keine Sternstunde des Kinos. 2009-08-24 11:32

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