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Der Dorflehrer

Venkovský ucitel. CZ/D/F 2008. R,B: Bohdan Sláma. K: Divis Marek. S: Jan Danhel. M: Vladimír Godár. P: Pallas Film, Negativ, Why Not Productions. D: Pavel Liska, Ladislav Sedivý, Zuzana Bydzovska, Marek Daniel, Tereza Vorísková, Milos Cernousek, Zuzana Kronerová, Miroslav Krobot u.a.
117 Min. Neue Visionen ab 27.8.09

Great Expectations

Von Susan Noll Von der Stadt aufs Land. Kulturschock, möchte man meinen, oder zumindest eine Tat, die eine große seelische Umstellung nötig machen kann. Petr allerdings geht bewußt diesen Weg, weil er nicht an der gleichen Schule wie seine Mutter unterrichten will. Die Provinz wartet mit kauzigen Charakteren wie permanent alkoholisierten Arbeitern und einer liebessehnsüchtigen Kuhzüchterin auf. Das wirkt als Bild zunächst skurril, der Eindruck weicht aber bald einem erstaunlichen sozialen Realismus, wie Regisseur Bohdan Sláma ihn schon in seinem letzten Werk Die Jahreszeit des Glücks entwickelt hat. Die Erwartungen, die der junge Lehrer an die ländliche Arbeitsstelle und vor allem an den neuen Lebensraum stellt, kollidieren mit den Hoffnungen seiner neuen Freunde und Mitmenschen. Denn während sich Marie, die Kuhzüchterin, in den jungen Mann verliebt, muß dieser sich seine Homosexualität und das steigende Gefühl der Hingezogenheit zu Maries Sohn eingestehen.

Die Bilder, die Sláma und sein Kameramann Divis Marek für die unerfüllten Wünsche ihrer Protagonisten finden, sind trotz allen Realismus’ sehr poetische Kompositionen. Geschmeidig umkreist die Kamera die Figuren, läßt in langen Einstellungen ihre Konflikte durch ein hervorragendes Schauspiel spürbar werden und macht sie ganz zum Teil der Landschaft, in der sie leben. Schon einmal hat es so einen Duktus gegeben, im poetischen Realismus von Renoir, Carné und Duvivier. Ihre Filme, und auch die Werke Slámas, verbinden das Realistische, Banale, Vorhandene mit dem Inszenierten, Poetischen, Virtuosen und erschaffen so eine filmische Ästhetik, die hinter die Oberfläche des Erwartbaren schaut. Hier wird das Leben abgebildet wie jeder es kennt, gleichzeitig offenbart sich viel Symbolisches gerade in dieser Einfachheit. Slámas Lebensbilder verweisen in jedem Moment auf sich selbst; sie berühren, weil sie Stimmungen einfangen, die echt sind und darin den wahren Wert einer Kinematographie spiegeln, die noch nicht durch Sinnentfremdung abgestumpft ist. 2009-08-21 10:10

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #55.

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