— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Fräulein Stinnes fährt um die Welt

D 2009. R: Erica von Moeller. B: Sönke Lars Neuwöhner. K: Sophie Maintigneux. S: Gesa Marten. P: taglicht media. D: Sandra Hüller, Bjarne Henriksen, Martin Brambach, Andreas Schlager, Robert Beyer, Stefan Rudolf, Li Hagman, Mark Zak u.a.
90 Min. RealFiction ab 20.8.09

Frau am Steuer

Von Jenny Feilgenhauer Der neue Film von Erica von Moeller, Fräulein Stinnes fährt um die Welt, entführt den Zuschauer ins Jahr 1927. Die damals 26jährige Clärenore Stinnes plant, als erste Frau in einem Automobil die Welt zu umrunden. Das Besondere dieses Films ist nicht etwa seine Geschichte, die man in fiktiver Form ähnlich bereits aus Filmen wie In 80 Tagen um die Welt kennt. Es ist vielmehr die gelungene Verschmelzung von inszenierten Sequenzen und dokumentarischen Aufnahmen aus den Jahren 1927-29, die der schwedische Kameramann Carl-Axel Söderström damals an der Seite von Fräulein Stinnes einfing. Das Wunder der modernen Technik macht es möglich, die echte Clärenore Stinnes auf ihrer Reise durch fremde Länder zu begleiten und ihr dabei zuzusehen, wie sie den diversen Pannen, Räuberbanden, Bürgerkriegen, der Hitze und anderen Widrigkeiten imposant die Stirn bietet.

Trotz Unterschieden in Färbung oder Bildanzahl pro Sekunde harmoniert das Archivmaterial gut mit den Spielszenen. Durch die langsame Erzählweise und den Verzicht auf schnelle Schnitte gewöhnt sich das Auge rasch an den Wechsel von Original- und Spielfilmbildern. Das Archivmaterial besteht nicht nur aus Filmsequenzen, sondern auch aus Fotographien, die als einzelne Momentaufnahmen aufblitzen. Erzählt wird aus Söderströms Perspektive, der während der Expedition Tagebuch führte und durch dessen Kamera der Zuschauer einen Blick auf die frühere Welt und ihre Menschen erhaschen kann. Besonders schön sind seine Aufnahmen der facettenreichen Gesichter, prächtigen Trachten und exotischen Bauten, die ihnen unterwegs begegnen.

Der Film zeigt jedoch nicht nur die Welt, wie sie vor achtzig Jahren war, sondern er thematisiert zudem seine eigene Entwicklungsgeschichte. Als Highlight des Films sieht man Clärenore 1929 in New York bei einem Kurzinterview, das durch die zeitgleiche Erfindung des Tonfilms erst möglich wurde. So wird die Kombination aus dokumentarischem Bildmaterial und gut eingebetteten Spielszenen zu einer spannenden Geschichtsstunde, die den Wunsch weckt, ins Auto zu steigen und fremde Länder zu entdecken. 2009-08-17 15:20

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #55.

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap