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Tödliches Kommando – The Hurt Locker

The Hurt Locker. USA 2008. R: Kathryn Bigelow. B: Mark Boal. K: Barry Ackroyd. S: Bob Murawski. M: Marco Beltrami, Buck Sanders. P: First Light Production, Kingsgate Films. D: David Morse, Ralph Fiennes, Guy Pearce, Jeremy Renner, Christian Camargo, Anthony Mackie, Brian Geraghty, Evangeline Lilly u.a.
131 Min. Concorde ab 13.8.09

Bombenstimmung

Von Sascha Ormanns Gleich zu Anfang des Films prasseln wackelige, flirrende Bilder auf den Zuschauer ein, aufgenommen von der Kamera eines Bombenentschärfungsroboters, der auf einer steinigen und staubigen Straße in Bagdad seiner Bestimmung entgegenrappelt. Dazwischen Handkamera-Sequenzen, die hektische Evakuierungsversuche von Zivilisten zeigen. Panik. Kathryn Bigelow wirft den Betrachter völlig unvorbereitet in diese Situation. Auch die Figuren werden zunächst nicht vorgestellt, nur präsentiert. Aufgrund maschinellen Versagens muß der uns unbekannte Entschärfungsspezialist (dargestellt von Guy Pearce) aushelfen, dessen Leinwandpräsenz sich durch die erfolgende Explosion allerdings bereits nach wenigen Filmminuten in Luft auflöst. Ironischerweise ist es jene Detonation, die den ruhigsten Moment dieses hektischen Anfangs darstellt: In Zack-Snyder-gleicher Zeitlupe kriechen die Bilder dahin, dienen allerdings nicht der reinen Effekthascherei, sondern sorgen beim Publikum vielmehr für eine bedrückende Erstarrung.

Kathryn Bigelow ist es mit The Hurt Locker gelungen, den weiterhin andauernden Irakkonflikt aus der Perspektive eines Bombenräumkommandos darzustellen, ohne in patriotische Mechanismen zu verfallen: Überraschend für einen amerikanischen Film dieses Genres, ist, daß das Sternenbanner nicht einmal im Film auftaucht. Drehbuchautor Mark Boal, ehemaliger Kriegsreporter, entwirft hier eine Erzählung, die einen nahezu neutral beobachtenden Standpunkt aufweist, aber dennoch offenbart, daß das größte Problem im Irak die US-amerikanische Okkupation ist.

Die Entscheidung Bigelows, The Hurt Locker in unruhig wackelnden Bildern zu fotographieren – die in vielen Filmen einfach anstrengend und unnötig daherkommen, schlicht: nicht funktionieren – ist diesmal durchaus passend und zweckmäßig, da sich somit die Desorientierung, die in den gefilmten Situationen vorherrscht, auf das Publikum überträgt. Besonders schön anzuschauen sind die innovativ gewählten Perspektiven, beispielsweise wenn sich die Kamera hinter Mauervorsprüngen zu verstecken versucht und nur um die Ecke lugt, um das Geschehen weiterzuverfolgen. In Momenten der Aktion, wenn eine Person in einen Kofferraum kriecht, um den Zündmechanismus einer Bombe aufzuspüren, quetscht sich die Kamera ihm entgegen und läßt dadurch klaustrophobische Gefühle entstehen. Vor allem durch diese Bilder und die Filmmusik, die ebenso Reminiszenzen an Jonny Greenwoods There Will Be Blood-Soundtrack wie an alte Westernfilme aufkommen läßt, gelingt es The Hurt Locker, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. 2009-08-06 11:43

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #55.
© 2012, Schnitt Online

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