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Hunger

GB 2008. R,B: Steve McQueen. B: Enda Walsh. K: Sean Bobbitt. S: Joe Walker. M: Leo Abrahams, David Holmes. P: Blast! Films, Channel Four Films, Film4. D: Michael Fassbender, Liam Cunningham, Stuart Graham, Laine Megaw, Brian Milligan, Liam McMahon, Karen Hassan, Frank McCusker u.a.
96 Min. Ascot ab 13.8.09

Der Film als Wille und Darstellung

Von Daniel Bickermann Etwa einmal im Filmjahr gibt es eine so begnadete Besetzung für eine Rolle, daß ein bis dato unbekannter Darsteller über Nacht eine Chance auf Hollywood-Hauptrollen erhält. Paul Giamatti in American Splendor, Christian Bale in American Psycho, Samantha Morton in Sweet and Lowdown oder Edward Norton in Zwielicht – alle kamen sie von null auf Oscar in nur einem Film.

Man ist nun dank eines Deutsch-Iren mit dem schönen Namen Michael Fassbender versucht, Hunger ebenso als reinen Durchbruchsfilm für ein außerordentliches Nachwuchstalent einzuordnen. Denn tatsächlich brennt dieser junge Mann ein Schauspielfeuerwerk ab, das aller Ehren wert ist: In der Hauptrolle des inhaftierten irischen Terroristen Bobby Sands während des Hungerstreiks von 1981 trägt er nicht nur den Film mit einer ungewöhnlichen Präsenz, sondern stiehlt noch dazu jede einzelne Szene. Er hat die brennenden Augen eines Russell Crowe, die stolze Körpersprache eines jungen Brando und ist noch dazu der radikalste Hungerkünstler auf der Leinwand seit Bales The Machinist.

Aber so sehr Fassbender auch heraussticht, und so sicher man schon jetzt sagen kann, daß er eine vielversprechende Zukunft vor sich hat, so darf man doch nicht übersehen, daß dies auch eines der besten Regiedebüts der letzten Jahre ist. Der schwarze Londoner Regisseur mit dem cineastischen Namen Steve McQueen ist allerdings alles andere als ein Unbekannter: Als Photograph und Installationskünstler gewann er bereits zweimal den äußerst prestigeträchtigen Turner Prize und vertrat letztes Jahr Großbritannien bei der Kunstbiennale in Venedig. Entsprechend wurde seine Beschäftigung mit dem Spielfilm in den entsprechenden Kreisen ähnlich aufgeregt zur Kenntnis genommen, als hätten Bob Dylan oder Annie Leibovitz ein Kinofilmprojekt angekündigt. Und tatsächlich ergibt sich hier eine ganz eigensinnige, von jeglicher Konvention und jeglichem Klischee losgelöste Ästhetik, die irgendwo zwischen der dokumentarischen, viszeralen Eskalationskinetik von Paul Greengrass' Bloody Sunday und Momenten traumwandlerischer Ruhe und Schönheit, wie man sie aus den Filmen eines Tarkowskij oder Bergman kennt, changiert. Verfremdete Toneffekte, eine sechzehnminütige Plansequenz, halluzinatorische Bilder und Momente irrealer Schönheit zwischen Gitterstäben sind nur einige Proben aus McQueens überquellender Palette.

Auch dramaturgisch erschließt der Film ungewohnte Pfade. Wer als Zuschauer nicht von sich aus das Wissen mitbringt, daß dem hier gezeigten Hungerstreik der Insassen im Long Kesh-Gefängnis, mit dem sie ihren Status als politische Häftlinge wiederherstellen wollten, der sogenannte »dirty protest« vorausging, wird die vollständig mit Fäkalien und Maden bedeckten Zellenwände wohl als visuelle Metapher lesen – und auch das nicht zu Unrecht: Die Handlung findet statt in einer Welt aus Scheiße. Selbst der Handlungsstrang außerhalb des Gefängnisses, der einem vom Krieg ernüchterten Gefängniswärter folgt, bietet keinerlei Trost. Das philosophische Kernstück, ein ungeschnitten gefilmtes Zwiegespräch zwischen Sands und einem Priester über Politik, Mord und Suizid, konstatiert den Zustand des hier dargestellten Universums: Gewalt und Gegengewalt schaukelt sich gegenseitig hoch und haben die humanen Impulse aller Beteiligter längst untergraben.

Das mag sich nach einem Problemfilm aus einer weit entfernten Zeit und von einem weit entfernten Ort anhören, doch dem innovativen McQueen, der berühmten Dramatikerin Enda Walsh, die die Vorlage verfaßte, und dem technisch brillanten Kameramann Sean Bobbitt ist ein filmisches Gesamtkunstwerk gelungen, das nicht nur eine kraftvolle Aussage über menschlichen Widerstand und institutionelle Verrohung bereithält, sondern auch als ästhetisches Fanal größte Wirkmacht besitzt. Daß dieses wuchtige Werk, das 2008 von der Goldenen Kamera in Cannes bis zum europäischen Filmpreis alles abräumte, was auf den Festivals zu holen war, nun doch noch ins deutsche Kino kommt, ist ein längst überfälliger Glücksfall, und auch die Neugierigen und Ungeduldigen, die den Film bereits auf britischer DVD gesehen haben, werden sicherlich die Gelegenheit nutzen, McQueens kunstvolle Kompositionen auf der großen Leinwand noch einmal zu genießen. 2009-08-12 10:25

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