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Hotel Sahara

D 2008. R,B: Bettina Haasen. K: Jacko van 't Hof. S: Kristine Langner. P: Gebrüder Beetz Filmproduktion.
89 Min. Neue Visionen ab 6.8.09

Endstation Zwischenraum

Von Sarah Sander Tiefschwarz auf Dunkelblau/Grau schaukelt ein vollbesetztes Boot über die Wellen im Bild. Langsam und getragen hebt und senkt sich der Bug. Als würden die Aufnahmen der Guardia Civil in Slow Motion abgespielt, ergibt sich ein Ästhetisierungseffekt, der die Wasserschutzaufnahmen zum Vexierbild macht. Zum flirrenden Zwischending: zwischen Wunschtraum und Polizeibild.

Die folgenden Bilder sind beige, ockerfarben, rostbraun/grau und sandgelb; sie zeigen endlose Zäune in Wüsten, Schiffswracks und Küstenstreifen, staubige Straßen und einen Häuserverbund: das Abschiebelager von Nouadhibou, Mauretanien. Hier sitzen all die von der Migrationsbehörde Inhaftierten – oft noch bevor sie die Flucht angegangen sind. Dikou, 33, erzählt, er hätte nichts weiter getan, als in Nouadhibou zu arbeiten und von Europa zu träumen. Für die Überfahrt hatte er in den zwei Jahren noch lange nicht genug Geld gespart.

Auch andere in Hotel Sahara Portraitierte sind in Nouadhibou gestrandet: Auf dem Weg in ein besseres Leben werden sie von Geldproblemen, der Guardia Civil, Zweifeln oder kenternden Pirogen gestoppt. Doch nachhause können sie nicht zurück: Mit leeren Händen kommt niemand Heim. So bleiben sie in Nouhadibou, versuchen hier ihr Glück oder warten auf die nächste Gelegenheit, die gefährliche Atlantiküberquerung zu wagen. Nouhadibou ist der letzte Hafen auf dem langen Weg nach Europa – wenn man von südlich der Sahara kommt. Von hier legen die meisten illegalen Boote in Richtung Kanarische Inseln ab. Doch nur ein Bruchteil der afrikanischen Flüchtlinge schafft es auf die andere Seite, die ca. 1.000 km entfernt ist. So wird die Transitstation für viele zum permanenten Zwischenstop, zur ewig vorläufigen Endstation ihrer Reise.

Für die Filmemacherin Bettina Haasen ist Nouadhibou ein eigentümlicher Ort: Gelegen zwischen Vergangenheit und Zukunft sei die mauretanische Hafenstadt ein Ort des Wartens, der Hoffnung und der unerfüllten Träume; ein Ort der erfundenen und wahren Geschichten. Seit einigen Jahren beschäftigt sich die freie Autorin und Filmemacherin, die schon für ihren ersten Dokumentarfilm Zwischen zwei Welten (1999/2000) mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet wurde und mehrere Jahre als Entwicklungshelferin in Afrika gelebt hat, mit diesem Mikrokosmos im Wartezustand. Und mit den in ihm wohnenden Menschen auf dem Sprung; gefangen in ungewollter Immobilität. Der große Drang, wegzukommen, und die unhinterfragte Annahme, in Europa sei alles besser, das habe sie zuerst interessiert, schreibt Bettina Haasen über ihre Motive für den Film.

Hotel Sahara konfrontiert sein europäisches Publikum mit der eigenen selbstverständlichen Freiheit, indem diese für die Porträtierten immer nur als Wunschtraum existiert. Doch die Doku-Rhetorik von den Asymmetrien der Globalisierung ist leider zu tradiert, um sich selbst zu genügen. Wenn Interviewsequenzen sich mit ästhetisierten Landschaftsaufnahmen abwechseln, Lebens- und Leidensgeschichten mit den Umgebungen, in denen sie verankert sind, dann ist das als Dokumentarfilmkonzept nicht mehr originell. Hotel Sahara versucht, dieses Schema (nur teilweise erfolgreich) zu umgehen, indem es sich ganz auf die porträtierten Menschen und ihre Sicht der Dinge stützt. Das andere Ufer des Atlantiks entsteht dadurch immer nur als Vexierbild, als verzerrte Projektion zwischen Wunschtraum und Angstbild. 2009-08-05 15:10
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