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Mullewapp – Das große Kinoabenteuer der Freunde

D/I/F 2009. R: Tony Loeser, Jesper Møller. B: Bettine von Borries, Achim von Borries. S: Oscar Loeser. M: Andreas Hoge. P: MotionWorks.
77 Min. Kinowelt ab 23.7.09

Da lachen die Hühner

Von Natália Wiedmann »Er hat eben meine wahren Talente erkannt«, brüstet sich die kurvenreiche Marilyn vor den anderen Hennen und faßt sich an die ausladenden Titten, »sie sind ja auch nicht zu übersehen.« Ja, da lachen sie, die Hühner. Und niemand sonst. Wer sollte das auch komisch finden? Etwa die fünfjährigen Steppkes, die gerade gedankenversunken in der Nase bohren? Etwa ihre pädagogisch korrekten Mütter mit unerschütterlichem Glauben an die Prädikate der Filmbewertungsstelle – oder an Helme Heine, dessen Klassiker über die Freunde Johnny, Franz und Waldemar sie ihren Kleinen ohnehin schon zig Mal zum Einschlafen vorlasen?

»Sie besorgten sich Kirschen« heißt es lapidar unter dem Bild, in dem sich den Lesern die Hinterteile der aufeinandergetürmten Freunde entgegenrecken, der dicke Waldemar streckt sich natürlich ganz oben nach den roten Pünktchen, und auf Johnny Mauser ruht das ganze Gewicht, wie sollte es auch anders sein. Zwei Seiten später sitzen die drei Freunde nebeneinander im Gras, und ein kurzer Text informiert uns darüber, daß sie keineswegs kitschigen Gedanken nachhängen oder Sonnenuntergängen – sie kacken. Mit sehr friedlichen Gesichtsausdrücken. Unaufdringlich komisch sind diese Interferenzen der bündigen Sätze und herrlichen Aquarelle mit ihren reizvollen Lavuren, als wären sie leicht hingeworfen. Von diesem Charme in »Freunde«, »Der Rennwagen« und in den bebilderten Paarreimen aus »Mullewapp« ist weder in den vor wenigen Jahren herausgebrachten Geschichten »Fälle für Freunde« (Helme Heine mit Gisela von Radowitz) noch im Film viel übriggeblieben, zumal letzterer sich ohnehin lediglich der Charaktere bedient, um so von deren Bekanntheit zu profitieren.

Bevölkert wird die Leinwand mit gackernden Hühnern, leicht zu beeindrucken, der Hahn etwas eitel, die Maus vorlaut, das Schwein gemütlich-gutmütig, das Lämmchen der kleine, unvorsichtige Sonnenschein, der Fuchs diebisch und der Wolf natürlich ganz furchtbar böse – das machen auch sein französischer Akzent und rosa Regenschirm nicht origineller. Slapstickszenen, die besonders bei jungen Kindern immer wieder auf Begeisterung stoßen, gibt es nur wenige, dafür einige Anspielungen, die sie noch nicht verstehen. Die Bilder mit ihren zarten Farbverläufen sind zwar ganz hübsch, aber auch etwas fad – da macht die kleine Binnenanimation schon wesentlich mehr Spaß. Und obwohl »fragmentarisierte, postmoderne Erzählweisen, die nicht linear gestaltet sind, […] mehr den assoziativ, wahrnehmungs- und eindrucksbezogenen kognitiven Aktivitäten der Kinder« entsprechen, wie Lothar Mikos in »Kinder, Kunst und Kino« schreibt, werden diese »von den meisten Eltern ebenso wenig realisiert wie von Kinderbuchautoren«. Auch in diesem Fall wurde nach einem Rahmen für die kleinen Abenteuer gesucht – und was sonst sollte diese ins Rollen bringen, wenn nicht eine geraubte Frau respektive ein entführtes Schäfchen? Das hat ja schon in der griechischen Mythologie glänzend funktioniert. Für jene aber, die das als schlicht als »Einfallslosigkeit« oder »Klischee« abtun, weiß das Drehbuch noch mit der ein oder anderen Überraschung aufzuwarten, denn das ungleiche Trio wächst während der Rettungsaktion zusammen, und die kleine Maus Johnny, mit dessen Versagen als Schauspielhelden die Geschichte beginnt, schwingt sich im dramatischen Höhepunkt zum wahren Helden auf – Sie ahnten es?

Dann wird es Sie, zumal es nur wenige Filme für Kinder im Vorschulalter gibt, auch kaum verwundern, wenn Mullewapp sicherlich überall als netter Familienfilm gepriesen wird, bunt, einfach, gewaltfrei, was will man mehr? Hauptsache wegschwenken, wenn der böse Wolf dem Fuchs eins aufs Maul haut. Dieter Wiedemann gab einst zum Kinderfernsehen zu bedenken, daß die »Diskussionen um vermutete oder tatsächliche Wirkungen von Gewalt in Kindersendungen […] den Blick darauf verstellt [haben], daß die täglichen 97 Minuten – oder jährlichen 500 Stunden – vor dem Bildschirm sicher von eminenterer Bedeutung für die Entwicklung von Geschmack, ästhetischen Wertungsfähigkeiten und Wahrnehmungsmustern als für die Ausprägung von Aggressionen sind«. Und das ist in der Tat manchmal viel beunruhigender. 2009-07-21 13:51

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