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Che – Revolucion

Che: Part One – The Argentine. E/USA 2008. R,K: Steven Soderbergh. B: Peter Buchman. S: Pablo Zumárraga. M: Alberto Iglesias. P: Estudios Picasso, Laura Bickford Productions, Morena Films u.a. D: Benicio Del Toro, Franka Potente, Benjamin Bratt, Catalina Sandino Moreno, Jordi Mollà, Armando Riesco, Demián Bichir, Ramón Fernández u.a.
126 Min. Wild Bunch ab 11.6.09

Che – Guerrilla

Che: Part Two – Guerrilla. USA 2008. R,B,K: Steven Soderbergh. B: Peter Buchman. S: Pablo Zumárraga. M: Alberto Iglesias. P: Morena Films, Laura Bickford, Telecinco, Wild Bunch u.a. D: Benicio Del Toro, Franka Potente, Pablo Durán, Eduard Fernández, Carlos Bardem, Demián Bichir, Joaquim de Almeida, Marc-André Grondin u.a.
131 Min. Central ab 23.7.09

Die Summe seiner Teile

Von Daniel Bickermann Die vielleicht größte Leistung, die ein 257minütiges Großwerk erbringen kann ist, daß man ihm in keiner Sekunde ansieht, welch ein Kraftakt seine Herstellung gewesen sein muß. Alles in Steven Soderberghs gigantischem, biographischem Doppelfilm (der eigentlich mit Walter Salles Motorcycle Diaries ein Triptychon bildet, da dieser ebenfalls auf den Tagebüchern Che Guevaras beruht) ist Zurücknahme, Enthaltung, Subtilität.

Das kann, das darf nicht möglich sein, meint man. Ausgerechnet die politische Ikone Che Guevara, dieser ewige Revolutionär, dessen wohlgemerkt überkontrastiertes Konterfei so manche pseudo-subversive Studentenküche schmückt, in der die Bewohner zufrieden grunzend ihren handgepflückten bolivianischen Bohnenkaffee verkosten und ihre Attac-Plakate malen; ausgerechnet dieser nichtssagende Poet der Liebe und des Hasses, diese ewig quasselnde Leerstelle; kann man ausgerechnet dieser Figur wirklich noch einen Tropfen Menschlichkeit abpressen, nach über vierzig Jahren unreflektierter Heldenverehrung, ständiger Umdeutung und euphorischem Halbwissen?

Man kann, und es ist ein Triumph der Bescheidenheit. Wütende Stimmen wurden in Cannes laut, wo Che: Revolucion und Che: Guerilla noch in einer langen Sitzung gezeigt wurden. Man warf den beiden Filmen fehlende Ikonisierung ebenso vor wie fehlende Demontage der Ikone, von rechts und links und aus der Mitte waren alle unzufrieden. „All die Jahre Vorbereitung, 250 Minuten Film – und dann das?“, beschwerte sich ein deutscher Kritikerkollege. Er verkennt, wie so viele andere, die brillanten Ausweichmanöver, mit denen dieses Filmprojekt jede Fallgrube umgeht, die doch so sicher auf dem Weg lauerten. Aber quiet is the new loud, und eben durch seine Enthaltung jeglicher Aussage wird der Doppelfilm eminent politisch, eben durch seine haarsträubenden Auslassungen wird er vollständig, und eben durch seine Bescheidenheit wird er ein großes, ein bedeutendes Werk.

Ein erstaunlich großer Anteil am Erfolg dieses Werks gebührt einem, dem man das gar nicht zugetraut hätte: Peter Buchman, der als Drehbuchautor von Jurassic Park 3 und Eragon bisher nicht gerade mit Subtilität überzeugen konnte, hat kein dramaturgisches oder gar ideologisches Konzept über den sperrigen Stoff gebürstet und keinen Deutungsanspruch erhoben. Die Drehbuchliteratur lobt ja gerne Scripts mit dramatischen Twists, auffälligen Einfällen oder selbstreflexiven Realitätsbrüchen – aber hier ist eine dramaturgische Erstbesteigung zu bewundern, die noch einige Generationen von Drehbuchstudenten beschäftigen wird: Die Erzählung durch Auslassung. Die Figur erhält keinen Hintergrund und keine Einführung, wir steigen während eines Abendessens ein, dem ersten Treffen Ches mit Fidel Castro. Sie plaudern, trinken Wein, scherzen. Zeitsprung: Einige Monate später sitzen sie mit 60 Kameraden in einem Boot und tuckern in Richtung Kuba, um dort Revolution zu machen. Die Stimmung ist erwartungsfroh. Zeitsprung: Wieder einige Monate später sitzen die gleichen Figuren im kubanischen Waldland, rauchen, husten, plaudern, halten Schießübungen ab. Che ist stets dabei, ins Zentrum aber will er nie so ganz geraten. Mit solchen kurzen, erst auf den zweiten Blick repräsentativen Vignietten hangelt man sich durch drei entscheidende Jahre im Leben des Revolutionärs (plus Vor- und Rückblenden zu seiner berüchtigten UN-Rede beziehungsweise seinem ersten Kontakte zur revolutionären Szene) und hält sich doch meilenweit entfernt von scheinbar wichtigen politischen oder privaten Momenten. Ist der Mann verheiratet? Zweifelt er an der Mission? Was sind seine Hoffnungen, Träume, Wünsche? Die schwülstige Romantik seiner Gedichte bleiben ebenso in der Schublade wie der rücksichtslose Blutdurst seiner politischen Pamphlete – man versucht, den selbsterklärten Revolutionär anhand seiner Revolutionen zu beschreiben. Wer ist dieser Mann? Soderberghs Doppelfilm antwortet: Man weiß es nicht, man wird es nie erfahren.

Das liegt auch an Benicio del Toro, der für diese Rolle den Darstellerpreis in Cannes erhielt und jeden Preis der Welt verdient hätte. Auf Zehenspitzen pirscht er sich an den Zuschauer heran, eine kleine darstellerische Fingerübung folgt der anderen, und während man noch auf die großen Momente wartet, hat er ganz heimlich einen Charakter etabliert. Es gibt in den gesamten vier Stunden kaum eine Szene, die man traditionellerweise als „dramatisch“ für einen Schauspieler bezeichnen würde: Kein Tränenausbruch und keine plötzliche Erleuchtung, keine Läuterung, kein selbsterklärender Monolog, keine großen Momente der Leidenschaft. Es gibt einfach nur del Toro, wie er sich eine Pfeife stopft, wie er sein Gewehr reinigt, wie er mit den Kameraden Maiskörner vom Kolben bricht, wie er milde scherzt und unaufgeregt kämpft, wie er Verwundete pflegt und Deserteure erschießen läßt – und ehe wir’s uns versehen, stecken wir mitten in einer der komplexesten Charakterdarstellung des aktuellen Filmjahrzehnts.

Auch Soderberghs Bilder, wie üblich unter dem Pseudonym Peter Andrews aufgenommen, werden nie ikonisch und genausowenig ikonoklastisch. Der Regisseur scharte für diesen Film ein neues Team aus spanischen und lateinamerikanischen Veteranen um sich, allen voran den begnadeten Alberto Iglesias als Komponist, der für seine Arbeiten für Almodovar und Mereilles bereits mehrfach preisgekrönt wurde und auch hier wieder eine spektakuläre Arbeit abliefert. Und doch wirkt dies weiterhin wie ein typischer Soderbergh-Film: nüchtern und unaufgeregt, manchmal gar über-intellektuell, vieldeutig und vielstimmig bis zum Exzeß, ein Panorama der Details, deren Summe im Mosaik schließlich ein großes, episches Bild voller Widersprüche und Ambivalenzen, voller Leben ergibt. Soderbergh desavouiert das amerikanischen Lieblingsgenre, das Biopic, durch seine Weigerung, ein Leben in einen Dramaturgiebogen zu pressen: Warum sich auf einige vermeintlich entscheidende emotionale Momente konzentrieren, wenn man, wie einst Jorge Luis Borges, auch ein ganzes Leben im Zeitraffer erzählen kann.

Und so ziehen alle am gleichen Strang der Deutungsenthaltung. Drehbuch, Regie, Schauspieler, ja selbst die Musik verweigert bei diesem Tanz um eine leere Mitte jegliche Stellungnahme dazu, wer dieser Che Guevara nun eigentlich war. Der Zuschauer arbeitet im Akkord, um die Lücken zu füllen (mehrere Jahre politischer Tätigkeit wird übersprungen, viel zu spät wird eine erste Ehe eingeführt, dann abrupt eine zweite, auch diese wird vom Protagonisten und der Erzählung zurückgelassen, ohne zurückzublicken…), und nach und nach hat sich jeder sein eigenes Bild von diesem so geheimnisvollen und verwirrenden Mann gebildet.

Die filmische Zweiteilung macht in diesem Falle mehr Sinn als zuletzt beispielsweise bei Tarantinos Kill Bill: Die beiden Filme beruhen nicht nur auf unterschiedlichen Tagebüchern Guevaras, sondern haben auch einen jeweils sehr distinkten Tonfall. Revolucion beschreibt die perfekte Welle, die Castros und Guevaras ursprünglich ziemlich erbärmlicher Sturm im Wasserglas auf Kuba auslöste: Überläufer aus allen Gesellschaftsschichten und eine hilflose Staatsarmee schwemmen die jungen Wilden an die Macht. Guerilla, der zweite Film, beginnt dann mit einem Paukenschlag, der an den Titel eines Shohei Imamura-Films denken läßt: Ein Mann verschwindet. War es sein Versagen als Politiker oder sein Unwillen, sich als Wirtschaftsminister linientreu der kubanischen Regierung einzuordnen, das ihn plötzlich in den bolivianischen Dschungel führte, auf der vergeblichen Suche nach dem guten alten Schwung? Es wurde jedenfalls der böse Zwillingsbruder der Kuba-Revolution: Statt gemütlichem Pfadfinderlager im Wald gibt es helle, kalte, karge Berglandschaften und dazu dissonante, düstere Musik, die Böses ahnen läßt. Diesmal bleibt die Unterstützung der örtlichen Bevölkerung aus, dafür kommen Krankheiten, technische Probleme, Disziplin- und Nahrungsmangel. Durch den geschickten Einsatz der CIA-geschulten bolivianischen Armee, die aus der kubanischen Revolution ihre eigenen Lehren gezogen hat, kommt bald Defätismus, Ermüdung und Paranoia hinzu. Es ist ein Jahr in der Hölle, erzählt mit der gleichen nebensächlichen Nonchalance, während die Musik erst bitter abdriftet und dann völlig verschwindet. Mit der gleichen Nebensächlichkeit, mit der man einst Länder umstürzte und Menschen anführte, mit der gleichen in sich ruhenden und mehrmals die Grenze zur Arroganz überschreitenden Selbstsicherheit, mit der Che Guevara lebte, stirbt er dann auch. Seine Geschichte ist mehr als ein Plakat, mehr als seine Tagebücher und mehr als seine politischen Pamphlete. Ist sie mehr als die Summe seiner kleinsten Momente? Man weiß es nicht, man wird es nie erfahren.
2009-06-10 19:15

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